34 Die Empfehlungen der BBAW zur Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens

2015-06-01

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Im Deutschlandfunk konnte man unlängst einen Dialog hören, der alle, die sich permanent im Bereich digitaler Wissenschaftskommunikation und z.B. auch den Digital Humanities bewegen, noch einmal daran erinnern könnte, dass zwischen dem, was für sie selbstverständlich scheint und dem, was wissenschaftsgesellschaftlicher Mainstream ist, eine deutliche Lücke besteht. Benedikt Schulz unterhielt sich mit dem Wissenschaftssoziologen Peter Weingart über Open Access und führte zum Ende des knappen Interviews noch einmal eine Grundfrage an:

„Vielleicht mal mit Blick in die Zukunft: Wird denn digitale Publikation das wissenschaftliche Arbeiten an sich verändern?“

Für uns ist das ja eher ein Blick in die jüngere Vergangenheit, denn die Veränderung ist längst da und an vielen Stellen führte sie zu neuen Quasi-Standards. Peter Weingart betont dies ja auch in seiner Antwort:

„Ja, das hat sie ja schon. Der Einfluss ist erheblich, denken Sie nur an die Zugänglichkeit von Informationen über das Internet – nehmen wir meinetwegen Historiker oder auch Archäologen, die früher weite Reisen unternehmen mussten, um in irgendwelche Archive zu kommen, die können sich heute die Informationen aus dem Netz holen. Die Zugänglichkeit von Daten ist enorm gesteigert worden und hat das Arbeiten erleichtert. Auch die Manipulationen, die Sie mit den Daten vornehmen können, das sind alles Dinge, die durch die Digitalisierung fundamental verändert worden sind, und das wird auch sicherlich noch weitergehen, also diese Entwicklung ist nicht am Ende.“

Die Beispiele sind sicher für Radiointerviews typisch verkürzt und selbst wenn man Horst Bredekamps Betonung des Auratischen des Originals nicht für jedes Forschungsobjekt zustimmen mag, so gibt es durchaus nach wie vor in vielen Fällen gute Gründe, sich nicht auf Scans allein zu verlassen. Mitunter ist dagegen die Kombination des Originals mit dem Digitalisat der sinnvollste Forschungsansatz.

Mehr Spielraum zur Auseinandersetzung lässt da das Papier mit den „ Empfehlungen zur Zukunft des wissenschaftlichen Publikationssystems“, das vergangene Woche an der Brandenburgischen Akademie für Wissenschaften auf einer Webseite mit der Maßgeblichkeit versprechenden Adresse www.publikationssystem.de veröffentlicht wurde und an dem auch Peter Weingart mitwirkte. Im Vorwort des Dokuments wird die aktuelle Situation des wissenschaftlichen Publizierens folgendermaßen umrissen:

„Das wissenschaftliche Publizieren unterliegt gegenwärtig dramatischen Veränderungen. Einerseits eröffnen die digitalen Technologien bislang ungeahnte Möglichkeiten: Sie versprechen einen nahezu unbegrenzten Zugang zu und eine schnelle Verbreitung von Publikationen und Daten. Die parallele Veröffentlichung von Forschungsdaten kann zu einer Verbesserung der Nachvollziehbarkeit von Forschungsergebnissen und zu einer erleichterten Nachnutzung im Rahmen weiterer Forschung führen. Andererseits verändert die Einführung dieser Technologien grundlegend die traditionelle Rolle der Bibliotheken und Verlage, was mit Risiken verbunden ist. Darüber hinaus stellen sich auch für die Wissenschaft neuartige Herausforderungen und Fragen, so etwa, ob die verschiedenen Spielarten von Open Access nicht auch zu einer Erosion von Qualitätsstandards führen können. Schließlich eröffnet die Digitalisierung des Publizierens ganz neue Möglichkeiten der Beobachtung der Wissenschaft anhand formaler Merkmale: Die inzwischen flächendeckend in Universitäten und Forschungseinrichtungen eingeführten publikationsbasierten Leistungsindikatoren können – wenn sie mit finanziellen Anreizen verbunden werden – zu unbeabsichtigten Nebenfolgen, d.h. zu Veränderungen des Publikationsverhaltens führen.“

Ausgangspunkt ist also das Versprechen der Digitalisierung, dessen Kerneigenschaften, nämlich die vernetzte zeit- und raumunabhängige Streu- und Abrufbarkeit digital codierter Inhalte, freilich mittlerweile gar nicht mehr als solches verhandelbar scheint. Denn (anschlussfähige) wissenschaftliche Kommunikation, die nicht wenigstens digital unterstützt wird, ist heute kaum mehr denkbar. Daher ist die Differenz zwischen Benedikt Schulz‘ „Blick in die Zukunft“ und dem „gegenwärtig“ sehr wichtig.

Präziser könnte man vielleicht schreiben, dass die gegenwärtigen und vorwiegend digital geprägten technologischen Bedingungen diverse Zugangsvarianten ermöglichen, die man 2015 eigentlich nicht mehr zwingend als Veränderung sondern mehr als Optionen mit bestimmten Vor- und Nachteilen begreifen muss. Auf dieser Basis lässt sich dann verhandeln, welche Art(en) des wissenschaftlichen Publizierens in welchem Zusammenhang für die beteiligten Akteursgruppen (Wissenschaftler_innen als Autor_innen, Wissenschaftler_innen als Rezipient_innen, Infrastrukturanbieter, Verlage) am sinnvollsten sind.

Vordigitale Zeiten sind dabei in den meisten Fällen nur noch sehr eingeschränkt als Referenzpunkt geeignet, grundiert sich doch selbst die zeitgenössische Printkultur überwiegend digital. Es spricht jedoch nichts dagegen, sich von Erfahrungen aus 500 Jahren gedruckten Diskursen anregen zu lassen. Immerhin bzw. immergrün gibt es eine Empfehlung zur „Eindämmung des Mengenwachstums“, eine Nebenwirkung, die die Menschheit vermutlich seit Erfindung der Schrift herausfordert. Klaus Graf deutet dies in seinem kurzen Kommentar zum Papier so:

„Die Kritik am Mengenwachstum ist elitär.“

Eventuell ist sie aber auch schlicht trivial und der Fokus sollte, wie es im Text ja auch mit der „Informationsressource zur Beurteilung der Qualität von Gold Open Access Journalen“ (Empfehlung 15) angedeutet wird, auf qualitätsgewichtenden Filterverfahren liegen. Eine entsprechende bibliotheks- und informationswissenschaftliche Schwerpunktforschung könnte/sollte an dieser Stelle auch in Hinblick auf automatisierte Verfahren als Unterstützung mit ins Gespräch kommen.

Die wissenschaftskulturellen Ursachen des Mengenwachstums sind selbstverständlich komplexer und blitzen im Vorwort unter der Formulierung „leistungsbasierte Leistungsindikatoren“ hervor. Lange und oft bis heute wurden/werden besonders umfangreiche Publikationslisten häufig eher belohnt als solche, die wenige und dafür idealerweise konzentriertere Publikationen auflisten. Das „Monitoring mithilfe bibliometrischer Indikatoren“ (vgl. S. 19) als eine von vier Wandlungsdynamiken des wissenschaftlichen Publikationssystems, das im aktuellen Zustand, wie im Text betont, kaum als nach wissenschaftlichen Standards objektiv bzw. „neutral“ gelten kann, lässt sich im digitalen Publikationsstrukturen analog zu anderen „Social Metrics“ noch präziser und granularer anwenden und es steht außer Frage, dass die Grenzen der Sinnhaftigkeit solcher Verfahren in der Abwägung von Machbarkeit, Wünschbarkeit und Folgen besser noch intensiver als bisher Gegenstand von wissenschaftspolitischen und wissenschaftsoziologischen Debatten sein sollte.

Eine andere Wandlungsdynamik, nämlich die Ökonomisierung, wirkt hier von der anderen Seite und insbesondere durch die Zeitschriftenkrise vor allem bei den Zeitschriften im STEM-Bereich. Die Quasi-Unverzichtbarkeit eines bestimmten Portfolios lässt hier bekanntlich auch bei den APC im Gold-Open-Access abenteuerliche Preisgestaltungen zu. Die Autoren des Empfehlungspapiers fordern daher nachvollziehbar, dass die Wissenschaftsförderung mehr Unterstützung in Gold-OA-Geschäftsmodelle fließen lässt. Was die beklagte „Erosion von Qualitätsstandards“ betrifft, zeigen zumindest die Befragungen im Fu-PusH-Kontext, dass dies nicht unbedingt etwas mit den „Spielarten von Open Access“ zu tun haben muss. So wurde durchgehend eine nachlassende bis nachlässige Qualitätskontrolle für den Großteil des Verlagspublikationen betont, nicht selten verbunden mit der Aussage, dass man, wenn man das Lektorat ohnehin selbst übernehmen muss, eigentlich auch direkt Open Access publizieren kann. Was die Verlage beisteuern, ist die Marke, die wiederum Dissemination und Reputation beeinflusst. Ansonsten haben sich das wissenschaftliche Verlagswesen und insbesondere der vergangenen Mittwoch in der FAZ von Magnus Klaue zumindest unscharf als Open-Access-Verlag benannte „seit Jahren expandierende Verlag Walter de Gruyter“ bei ihrer Zielgruppe keinen großen Gefallen getan. Der Wissenschaftsverlag als Dienstleister des Geistes (Klaue, 2015): das gibt es so gut wie nicht mehr. Mitunter bekommt man den Eindruck, als seien die Wissenschaftler_innen heute vor allem ehrenamtliche Dienstleister der Verlage. Äußerst ausgereizte Preiskalkulationen verbunden mit einem leider oft nur quantitativen Hochleistungs-Output und häufig unter Vollverzicht eines Lektorats haben jedenfalls auch erzkonservative Anhänger des gedruckten Buches ziemlich enttäuscht. Was diese Publikationspraxis trotz des hausgemachten Qualitätsabbaus auf gleichbleibendem Niveau wirtschaften lässt, sind eben der Mangel an wissenschaftsakzeptablen Alternativen und vermutlich auch, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken immer noch zureichende Titelmengen abnehmen. Mit Open Access hat dies jedoch nichts zu tun. Daneben steht außer Frage, dass es im Bereich der Open-Access-Publikationen, die nicht gerade im Web-of-Science-Spiel eingebunden sind, tatsächlich an für die Wissenschaftsgemeinschaften klar nachvollziehbaren Qualitätsindikatoren mangelt.

Entsprechend sinnvoll scheint eine öffentliche Investition in angemessene Filter- (siehe oben) und Bewertungsverfahren, wie es sie mit dem DINI-Zertifikat zwar bereits in Ansätzen gibt, die jedoch aktuell vermutlich noch zu wenig und nicht eindeutig genug an der Stelle ansetzen, an der es die Einzelwissenschaftler_innen als für sie relevant wahrnehmen. Wenn das Empfehlungspapier die Fachgesellschaften mehrfach ausdrücklich anspricht, ist das vielleicht ein vielversprechender Weg für eine solche Übersetzungsleistung. Denn derzeit wirkt es fast so, als würde sich die Expertise im Bereich Open Access, Qualitätssicherung und digitale Publikationskompetenz hauptsächlich im Infrastrukturbereich konzentrieren, was den notwendigen Wissenstransfer in die Wissenschaftsgemeinschaften nicht unbedingt garantiert.

Eine andere, nicht minder spannende Erweiterung der Perspektive liegt sicher in der (Massen)Medialisierung der Wissenschaftskommunikation, also einer wachsenden Notwendigkeit, wissenschaftliche Arbeit auch andere Öffentlichkeiten in einer für diese verständlichen Form zu vermitteln. Dies ist insofern relevant, weil ein zentrales Argument der Open-Access-Bewegung lange Zeit lautete, dass die Öffentlichkeit, die einen Großteil von Wissenschaft finanziert, auch Zugang zu den wissenschaftlichen Ergebnissen erhalten sollte. Im Anschluss an diesen Anspruch kann man nun berechtigt dafür eintreten, dass die so unterstützte Wissenschaft auch verpflichtet ist, angemessene Vermittlungsstrukturen entweder anzubieten oder zu bedienen, die es auch Nicht-Wissenschaftler_innen ermöglicht, diese Resultate zu verstehen. In den Empfehlungen wird dieser Aspekt leider nicht wieder aufgegriffen, so dass unklar bleibt, weshalb das Thema als Wachstumsdynamik überhaupt aufgegriffen wurde. Zudem ist bei einem Dokument aus dem Mai 2015 bedauerlich, dass Schnittstellenmedien des Social Web und Phänomene wie die Citizen Science / Bürgerwissenschaft keinerlei Erwähnung finden. So bedeutsam Peter Weingarts Essaysammlung Die Wissenschaft der Öffentlichkeit (Weilerswist: Velbrück, 2005) für das Thema an sich ist, so kann man sich schon fragen, ob es für diesen Themenbereich gerade angesichts der Dynamik, die SciencesBlogs, Hypotheses.org u.ä. für eine Öffnung der Diskursgrenzen in der Wissenschaft darstellen, nicht eine diesbezüglich ergänzende aktuellere und präzisere Bezugsquelle gegeben hätte.

Dafür, dass sich das wissenschaftliche Publikationssystem insgesamt nicht allzu grundsätzlich wandelt, gibt es allerdings auch so verschiedene Anzeichen. Unter anderem nickt man leider, wenn man liest:

„Die Durchsetzungschancen neu gegründeter, frei zugänglicher elektronischer Zeitschriften werden hingegen insbesondere durch den Journal Impact Factor
des Web of Science beeinflusst – hier besteht offensichtlich eine Rückkopplung zwischen Digitalisierung und dem Monitoring mithilfe bibliometrischer Indikatoren.“ (S.21)
Am Ende des Tages scheint der Hauptstrom der Wissenschaft eben doch den vertrauten und bekannten Verfahren, mögen sie auch nachgewiesen defizitär sein, eher zu vertrauen. Dies erklärt auch, warum sich die goldenen OA-Modelle der großen Wissenschaftsverlage so widerspruchslos etablieren lassen. Denn natürlich darf man sich wundern, warum sich ausgerechnet hochreflektierte Wissenschaftsgemeinschaften weite Teile der für ihre Selbstverständigung notwendigen Kommunikation an extrawissenschaftliche und keinerlei Begründungszwang unterliegenden Akteure zu solchen Konditionen auslagern. Andererseits scheint es tatsächlich so, dass sehr viele der Versuche, entsprechende eigene Infrastrukturen, beispielsweise in Form von Repositorien, für die die Autor_innen des Papiers Mehrwertdienste einfordern, nicht unbedingt zu für die Massennutzung akzeptablen Resultaten führt. Derzeit scheinen Start-Ups wie ScienceOpen.com an dieser Stelle weitaus zielstrebiger Lösungen anzubieten, die eigentlich auch für Repositorien- und Digital-Library-Infrastrukturen der Hochschulen ohne größeren Aufwand umsetzbar sein sollten.

Aus der Fu-PusH-Perspektive ist selbstverständlich besonders interessant, inwiefern sich Aspekte von erweiterten Publikationen im Papier entdecken lassen. Wenig überraschend findet sich das Thema der Forschungsdatenpublikation mit den wissenschaftsökonomischen und –ethischen Zielen Nachnutzung und Überprüfbarkeit. Von diesen liegt die Brücke zu erweiterten Publikationen nah. So liest man in den Empfehlungen im Abschnitt „Digitale Publikation als Voraussetzung für Open Access“ bei den Vorteilen digitaler Publikationen:

„Drittens kann durch die Nutzung der digitalen Publikation ein Mehrwert entstehen. Die Digitalität der Publikation und die technisch gegebene Vernetzbarkeit von Autorinnen, Gutachterinnen und Herausgebern eröffnen die Möglichkeit, Begutachtungsprozesse auf neuartige Weise zu organisieren. Außerdem kann die Publikation mit weiteren Informationen wie zum Beispiel Forschungsdaten oder Daten, die im Zuge der Rezeption und Verwendung einer Publikation entstehen, verknüpft werden.“ (S. 36, Hervorhebung von mir)

Was aus der Perspektive der Enhanced Publications etwas fehlt, ist die Perspektive einer Verschmelzung von Publikation und Datenerzeugung, wie sie für offene Dokumentenstrukturen und in Virtuellen Forschungsumgebungen problemlos vorstellbar ist. Annotierende Forschung muss nicht zwingend in formalisierte Forschungsnarrative führen, sondern kann als permanentes und unabgeschlossenes Kommunikationsgeschehen direkt am Forschungsgegenstand gedacht werden. Das Empfehlungspapier deutet diesen Schritt allerdings in gewisser Weise an:

„Viertens ermöglicht die digitale Publikation, aus einem elektronischen Mutterdokument andere Dokumentarten automatisch zu erzeugen. Zudem können digitale Dokumente mit Filmen oder Datenbanken angereichert und mit anderen elektronischen Dokumenten verknüpft werden. Fünftens erlaubt die digitale Publikation Rezeptionsweisen, die bei der gedruckten Publikation nicht gegeben sind. Dazu zählen u. a. die automatische Durchsuchbarkeit und die semantische Weiterverarbeitung.“ (S.37)

In der Fußnote 24 (S.39) wird zudem ein Verschmelzungsszenario aus der Astronomie angeführt.

Insgesamt werden als Vorteile digitaler Publikationen in etwa folgende Aspekte festgehalten:

  1. Beschleunigung des Austausches von Inhalten
  2. Erleichterung von Zugänglichkeit und Nachnutzbarkeit von Inhalten / Forschungsdaten
  3. Mehrwerte
    1. Mehrwerte und Optimierung bei der Begutachtung
    2. Enhancements mit Forschungs- und Rezeptionsdaten
  4. Enhancements
    1. Weiterverarbeitbarkeit mit dem Ziel von Spin-Off-Dokumenten
    2. Enhancements mit digitalen / multimedialen Inhalten
    3. Verknüpfung mit anderen Dokumenten
  5. Maschinenunterstützte Rezeption
    1. Volltextdurchsuchbarkeit
    2. Semantische Verarbeitung

Für das Medium des gedruckten Buches sprechen Haptik und materialbedingte Abgeschlossenheit, damit verbunden also eine Art Brems- bzw. Besinnungsfunktion und schließlich die vergleichsweise einfache Langzeitarchivierbarkeit von Printmaterialien. Gerade für die Geisteswissenschaften dürfte zudem die fachkulturelle Tiefenverankerung sein, die sich in den Empfehlungen mit dem Passus niederschlägt:

„Das Prinzip der Wählbarkeit gebietet es aber, die digitale Publikation nicht als verbindlich zu empfehlen.“ (S. 37)

bzw.

„Die Vielfalt von Nutzungs- und Verbreitungsformen sowie insbesondere die Bedeutung des gedruckten Buchs sollen […] nicht eingeschränkt werden.“ (S. 51)

Außerordentlich wichtig ist dabei, dass im Gegenzug die Langzeitarchivierung und –verfügbarhaltung umso komplizierter wird, je dynamischer und offener die Dokumente / Publikationen sind. Im Prinzip müsste man nämlich das gesamte technologische System inklusive Software und vermutlich Hardware als Archivkopie zu bestimmten Zeitpunkten einfrieren, was schnell in irrsinnige Szenarien führen kann. Für die Autor_innen der Empfehlungen liegt die Herausforderung der Langzeitarchivierung dagegen weniger im technischen Bereich und mehr in dem des Vertrauens:

„Während in vielen Bereichen der Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften der digitalen Langzeitarchivierung der Vorzug gegeben wird und sich hier auch Beispiele von seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich archivierten Datenbeständen finden, gibt es insbesondere in den Geisteswissenschaften ein solches Vertrauen nicht überall.“ (S.47)
Möglicherweise ist diese Skepsis auch berechtigt. Denn einerseits sind 25 Jahre aus archivarischer Sicht ein sehr überschaubarer Zeitpunkt. Und andererseits funktioniert die Langzeitarchivierung vor allem auf zwei Ebenen: der Bitstream-Archivierung und der Archivierung von digitalen Printabbildern. Wenn die wissenschaftliche Kommunikation auch weiter in diesen Bahnen bewegt, dann sind die Empfehlungen in Richtung des „doppelten Bodens“, also „der Überlassung einer Kopie und eines eigenständigen Hostings durch den Lizenznehmer (Wissenschaftsorganisationen und Bibliotheken)“ vermutlich ausreichend. Sobald man jedoch beginnt, die eigentlichen Potentiale und Dynamiken des digitalen Publizierens und Kommunizierens zu adressieren, stellt sich die Frage (siehe oben) deutlich differenzierter.

Quellen:
  • Mitchell Ash, Martin Carrier, Olaf Dössel, Ute Frevert, Siegfried Großmann, Martin Grötschel, Reinhold Kliegl, Alexander Peukert, Hans-Jörg Rheinberger, Eberhard Schmidt-Aßmann, Uwe Schimank, Volker Stollorz, Niels Taubert, Peter Weingart (2015): Empfehlungen zur Zukunft des wissenschaftlichen Publikationssystems. [PDF] Berlin: BBAW.
  • Magnus Klaue (2015): Der Geist und seine Dienstleister. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2015, S.N4
(Berlin, 01.06.2015)

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