71 Fu-PusH Dossier: Bibliotheken und Desiderata

2016-01-07

In den Fu-PusH-Dossiers werden die im Projekt erhobenen Forschungsdaten ausgewertet und zusammengefasst. Für die Auswertung werden jeweils aus Sicht des Projektes relevante thematische Relationen, ermittelt anhand von Kookkurrenzen von Tags, betrachtet. Die Datengrundlage des vorliegenden Dossiers umfasst die 15 Statements, die sowohl mit Bibliotheken als auch mit Desiderata gefiltert wurden.

Auswertung

Die Interviewaussagen zu den Desiderata in Bezug auf die Arbeit der wissenschaftlichen Bibliotheken sind erwartungsgemäß eher allgemein gehalten. Es lässt sich feststellen, dass eine grundsätzliche Verschiebung des Aufgabenschwerpunktes von Bibliotheken gefordert wird. Diese bewegt sich von der Sammlung und Bestandspflege gedruckter Werke sowie Vor-Ort-Services hin zu Dienstleistungen und Infrastrukturen für elektronische Medien.

Zu den als zentral eingeschätzten Aufgaben der Bibliotheken zählen dabei die digitale Langzeitarchivierung, die Standardisierung von Austauschformaten, die Bereitstellung von Auszeichnungswerkzeugen sowie die Kompetenzvermittlung im Umgang mit digitalen Dokumenten und Umgebungen (3).

Dies führt unter anderem zu einer finanziellen Doppelbelastung der Bibliotheken. Auf der einen Seite muss nach wie vor ein Erwerbungsetat für traditionelle Medien aufgewandt werden. Auf der anderen Seite entstehen beispielsweise für die Open-Access-Verfügbarmachung für elektronische Medien neue Kosten (80). Auch andere Aufgaben, die für die digitale Wissenschaft unterstützende Bibliotheken relevant werden, sind hinsichtlich ihrer Kosten und Umsetzbarkeit zu berücksichtigen. Das Forschungsdatenmanagement durch Biblioptheken erfordert beispielsweise eine personelle Umstrukturierung und lässt sich nicht allein durch die Katalogisiererinnen und Katalogisierer leisten (2186). Ähnliches gilt für Dienstleistungen im Bereich der Forschungsevaluation, die auch als relevante Aufgabe für Bibliothek benannt wird. So wurde beispielhaft der Fall erwähnt, dass Autoren ihre Kennzahlen zur Forschungsevaluation bzw. Impact-Messung (z.B. Hirschfaktor, Altmetrics) von Bibliotheken auf Anfrage erhalten möchten, etwa für anstehende Bewerbungsverfahren (1321).

Auch (Retro-)Digitalisierungsprogramme dürften zu diesen zusätzlichen Kostenfaktoren zählen. Eine flächendeckende Digitalisierung von historischen Quellen wird noch immer als Desiderat empfunden. Insbesondere sollten Transkriptionen der Digitalisate, so eine Forderung, in einer maschinenlesbaren Form verfügbar sein (1696).

Der Bibliothekskatalog als Nachweissystem könnte erweitert bzw. transformiert und direkter in die Forschungsprozesse eingebunden werden. In der Erweiterung des Information Retrieval um automatisch erstellte Bibliographien sowie der direkte Zugang zu den Volltexten werden als Mehrwerte artikuliert (470). Auch das Verständnis von Sammlungen befindet sich im Umbruch. An die Stelle von Einzelpublikationen treten vernetzte digitale Materialsammlungen, die mit dem PDF-Format nicht mehr adäquat abbildbar sind (1068).

Insgesamt fordert das Aufkommen von sammlungsrelevanten Publikationen die Bibliotheken heraus. Das Mengenwachstum in der Fachkommunikation macht daher neue Formen der Relevanzfilterung sowohl für den Erwerb durch die Bibliotheken als auch für die Nutzerrecherche notwendig (1129, 1162). Entsprechende Arbeitsschritte sollten daher so weit wie möglich automatisiert unterstützt ablaufen, weshalb die Entwicklung entsprechender Prozesse ein Schwerpunkt der Infrastrukturentwicklung sein muss (1162). Eine Möglichkeit der Relevanzfilterung ist das Aufsetzen von Fachportalen in der Tradition der Sondersammelgebiete (SSG) bzw. Fachinformationsdienste (FID), die einen Zugang zu den jeweils relevanten Dokumenten bieten (1162). Unbeantwortet scheint hierbei jedoch die Frage, wie der entsprechende Betreuungs- und Redaktionsaufwand für solche Angebote abgesichert werden kann. Eine weitere Herausforderung der Pluralität der Publikationsformen wird darin gesehen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilweise Schwierigkeiten haben, sich in digitalen Sammlungen und einer Vielzahl unterschiedlicher Dokumentformen und Dateiformaten zu orientieren, die zum Teil auf unterschiedlichen Endgeräten ausgegeben werden. Beratungsangebote sowie die Gewährleistung von Interoperabilität werden in diesem Zusammenhang als wünschenswerte Aspekte angesehen (2125).

Zudem wird die Vermittlung von Urheberrechtskompetenz als Aufgabe von Bibliotheken angesehen. Insbesondere soll dabei ein Bewusstsein geschaffen werden, welchen Verhandlungspielraum die Autorinnen und Autoren bei Verlagsverträgen bzw. Lizenzierungsformen besitzen oder welche Optionen den Nutzerinnen und Nutzern für eine potenzielle Weiterbearbeitung von Dokumenten offen stehen (208). Allerdings wird ebenfalls festgestellt, dass Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler oftmals die einschlägigen Schulungsangebote der Bibliotheken nicht wahrnehmen (2146).

Schließlich bleibt für Bibliotheken als Gedächtnisinstitutionen die komplexe Aufgabe, digitale Infrastrukturen aufzubauen und Konzepte für die Langzeitarchivierung zu entwickeln (1208). Dies wird umso mehr akut, da ein zunehmender Anteil der Forschung projektbezogen durchgeführt wird und dafür nur selten institutionelle Nachsorgekonzepte bestehen. Hier gilt es für die Nachhaltigkeit, dauerhafte Forschungsdokumentation und die Langzeitverfügbarkeit der Forschungsdaten und -ergebnisse, die beispielsweise auch digitale Editionen sein können, Vereinbarungen zu schließen, Zuständigkeiten festzulegen und Nachhaltigkeitsstrategien zu implementieren. Bibliotheken werden an dieser Stelle als verlässliche und zeitstabile Institutionen angesehen (2781, 3221).

Fazit

Es ist unbestreitbar, dass Bibliotheken vor großen Herausforderungen und notwendig auch vor Umgestaltungen stehen. Mit der Digitalisierung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Kommunikation, die das wissenschaftliche Publizieren mit einschließt, erwächst ein hoher Orientierungsbedarf für alle Akteure. Die Bibliotheken selbst werden für ein Tätigkeitsfeld von der Forschungsdatenverwaltung über das digitale Publizieren bis hin zur digitalen Langzeitverfügbarkeit von der Wissenschaft als zentraler und seriöser Ansprechpartner angesehen. Dies schreibt ihr zugleich eine Rolle mit großer Verantwortung zu. Dabei sehen sich die Bibliotheken mit großen Unsicherheiten konfrontiert. Die zukünftigen Aufgaben für die digitale Wissenschaft lassen sich aufgrund der aktuellen Bedarfslage zwar beschreiben, in ihrer Entwicklung aber schwer konkretisieren. Generell kann man von einer wachsenden Heterogenität in der Forschungspraxis und dem wissenschaftlichen Kommunizieren ausgehen, dass sich nicht zuletzt in einer Pluralität der Publikationsformen und -modelle niederschlägt, die von der klassischen gedruckten monografischen Verlagspublikation bis hin zu digitalen Objektannotationen reichen. Eine einfache allumfassende und lineare Lösung wird es in diesem Kontext vermutlich nicht geben.

Es ist abzusehen, dass sich Bibliotheken in ihrem Aufgabenspektrum spezialisieren müssen. One-Stop-Lösungen mit lokalen Beratungs-, Vermittlungs- und Langzeitarchivierungsstrukturen für alle Einrichtungen werden angesichts der noch nicht einmal abschätzbaren Ressourcenbedarfe kaum umsetzbar sein. Dass digitale Bibliotheksdienstleistungen zu großen Teilen in digitale Netze und Cloud-Speicher ausgelagert werden können, unterstützt diese Entwicklung. Die lokalen Einrichtungen können sich so auf eine Grundversorgung und die Vermittlung von Bedarfen an jeweils spezialisierte Anbieter konzentrieren.

Spezialisierte Diensteistungssysteme benötigen einen Koordinationspunkt, der idealerweise von einem übergeordneten Entwicklungsmonitoring für die digitale Wissenschaft begleitet wird. Welche Institution diese Rolle übernimmt, ist derzeit offen.

Neben den bibliotheksstrukturellen und -ökonomischen Herausforderung ergeben sich auch auf der Ebene der bibliothekarischen Kompetenzen Qualifikationsnotwendigkeiten, die unbedingt in den einschlägigen Ausbildungsgängen koordiniert und konsequent adressiert werden sollten. Eine enge Zusammenarbeit von den die Bedarfe kennenden Praxiseinrichtungen mit der ausbildenden Institutionen ist daher unerlässlich. Zu den erforderlichen Grundkenntnissen zählen neben dem Verständnis digitaler Formate, Infrastrukturen und Prozesse, also digitaltechnischer Aspekte, auch wissenschaftssoziologische, rechtliche und publikationsökonomische Gesichtspunkte sowie Kommunikationsfähigkeit bis hin zu redaktionellen Fertigkeiten für die Gestaltung wissenschaftskommunikativer Angebote wie beispielsweise Fachportalen. In all diesen Bereichen sind Professionalisierungs- und jeweils sicher auch Spezialisierungsschritte notwendig.

Die Entwicklung forschungsnaher Lösungen für ein angemessenes Information Retrieval und die Entwicklung, Standardisierung und regelmäßige Anpassungen von Werkzeugen, Workflows für eine aktive, also forschende Auseinandersetzung mit Bibliotheksbeständen kann nicht in den Einrichtungen neben dem Versorgungsbetrieb geschehen. Hier sind Kooperationen zwischen Bibliotheken, Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Informatik, möglicherweise auch externen und kommerziellen Entwicklern und Dienstleistern sowie unbedingt den adressierten Fachwissenschaften der sinnvolle Weg.

Für die Forschungsförderung und die Wissenschaftspolitik ergeben sich daraus massive Gestaltungs- und Steuerungsaufgaben, die bislang nur teilweise angesprochen werden. Insbesondere der Aspekt der Folgeabschätzung inklusive Kostenentwicklungen für die Langzeitverfügbarkeit digitaler Forschungsmaterialien scheint derzeit noch unzureichend berücksichtigt.

(Berlin, 07.01.2016)

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