75 Fu-PusH Dossier: Enhanced Publications

2016-02-01

In den Fu-PusH-Dossiers werden die im Projekt erhobenen Forschungsdaten ausgewertet und zusammengefasst. Die Datengrundlage des vorliegenden Dossiers umfasst 113 Statements, die mit Enhanced Publication aus dem Gesamtbestand der Aussagen im Statement Finder gefiltert wurden.

Kernaussagen

  • Erweiterte Publikationen bzw. Enhanced Publications stellen eine Stufe des digitalen Publizierens dar, die sich nicht mehr am Printparadigma orientiert.
  • Es gibt unterschiedliche Auffassungen von den konstituierenden Merkmalen einer Enhanced Publication.
  • Zu den zentralen funktionalen Erweiterungen zählen (a) Modularität, (b) Multimedialität, (c) Interaktivität sowie (d) Semantische Strukturierung.
  • Im engeren Verständnis sind Enhanced Publications so genannte Compound Objects, also modulare Publikationsobjekte, die zu einem Gesamtobjekt verknüpft werden.
  • Ein großes Potential für Enhanced Publishing in den Geisteswissenschaften wird im Umgang mit Forschungsdaten als eigenständige Publikationsobjekte gesehen.
  • Digitale Editionen werden als Hauptanwendungsfelder für erweitere Funktionalitäten in den Geisteswissenschaften angesehen.
  • Das Konzept einer Prozesspublikation, die Aspekte der Prä- bzw. Postpublikationsphase transparenter macht, findet viel Beachtung, wird aber kaum umgesetzt.
  • Beispiele und Akzeptanz erweiterter Publikationen in den Fachgemeinschaften werden nur sehr eingeschränkt beobachtet.
  • Ob sich die Einstellungsmuster zu Enhanced Publications bei nachfolgenden Wissenschaftsgenerationen ändern könnte, wird widersprüchlich bewertet.
  • Notwendig für die Umsetzung und Etablierung von Enhanced Publications sind Standards, Produktions- und Hostingmöglichkeiten sowie eine weitgehende Automatisierung der für die Produktion notwendigen Prozesse.
  • Die Langzeitarchivierung- und verfügbarkeit gelten als zentrale Herausforderung für Enhanced Publications.

Auswertung

Erweiterte Publikationformen

Die Idee der Enhanced Publication wird mit unterschiedlichen Benennungen und Interpretationen zwar viel diskutiert, aber im Vergleich dazu kaum tatsächlich umgesetzt (2357). Dies mag auch an Unsicherheiten liegen, die sich durch verschiedene Auffassungen zum Enhanced Publishing ergeben.

Das PDF-Format gilt de facto als Standard einer digitalen Publikation (1229), imitiert jedoch weitgehend das Erscheinungsbild von Druckpublikationen (1475, 1513, 1515). Dagegen werden die Potentiale des elektronischen Publizierens stärker in komplexeren, webbasierten Publikationen gesehen, welche die Möglichkeiten des Internets in größerem Umfang ausnutzen (533). Wo etwa bei analogen Publikationen Anhänge wie Indexe, Register oder Bibliografien vorlagen, werden diese nun digital mit dem Haupttext integriert (160). Darüberhinaus wird angeregt, über rein textbasierte elektronische Publikationen hinauszugehen und diese mit Zusatzmaterialien anzureichern (598, 954).

Die Innovation erfolgt entsprechend auf verschiedenen Ebenen: auf der Ebene der Struktur genauso wie bei der Repräsentation und den Nutzungspraxen und in der Folge zwangsläufig auch der institutionellen und sozialen Organisation aller damit zusammen hängenden Prozesse (3159). Ausgangspunkt und Voraussetzung erweiterter Publikationen ist die Vernetzbarkeit digitaler Objekte (956, 2547). Dies beginnt auf einer traditionellen und nun interaktiver gestaltbaren Ebene der Fußnoten, Textmarken und bibliografischen Bezüge (2135) und reicht bis zur direkten Vernetzung von Akteuren durch Social-Media-Angebote beispielsweise für Fachgemeinschaften (1105). Es gibt analog die Überlegung, die Schaffung von Kommunikationsmöglichkeiten für die Wissenschafterinnen und Wissenschaftler zum Ausgangspunkt und Maßstab für die Entwicklung erweiterter Publikationen heranzuziehen (1132, 1133).

Digitale Textobjekte lassen sich im Unterschied zu gedruckten Texten nicht nur lesen, sondern auch mit digitalen Werkzeugen und in Hypertextstrukturen in Beziehung zu anderen Texten auswerten und weiterverarbeiten. Von der Volltextdurchsuchbarkeit bis zum automatischen Text Mining ergeben sich diverse neue Möglichkeiten für eine entsprechende Annäherung (15).

Daher erscheint es wichtig, erweiterte digitale Texte nicht als abgeschlossene Repräsentationen, sondern als Netze zu verstehen. Jede digitale Publikation kann als solche als ein Netz verstanden werden (79). Bestimmte netzbildende Elemente wie Fußnoten gab es bereits in analogen Textstrukturen, nun ist es jedoch möglich, solche Elemente und weitere semantische Strukturen auszuzeichen und in eine technische Infrastruktur einzubetten (79), was unter anderem die Discoverability erhöht (1894). So können direkt an einem Publikationsobjekt Annotationen und andere Anreicherungen wie Quellen oder referenzierte Texte bzw. Begründungen angebunden werden (15, 667, 3024).

Die Idee des Netzes gewinnt an Kraft, wenn man es sich als kontrolliertes, übergreifendes Netz vorstellt, in dem alle zu einem bestimmten Korpus oder einer Domäne gehörigen Texte verbunden sind und zum Beispiel über ein Portal zugänglich sind (2373). Auf dieser Grundlage und mit entsprechenden Werkzeugen lassen sich ganz neue Fragestellungen an diese Gesamtstruktur richten und visualisieren (685, 956). Die Texte werden filterbar und es lassen sich variable Anzeigemodi realisieren (79). Voraussetzung anspruchsvoller erweiterter Funktionalitäten für digitale Textnetze ist die Kontrollierbarkeit. Daher lässt sich dies immer nur in abgegrenzten und homogenisierten, bestimmten Standards folgenden Strukturen realisieren und nicht etwa für das gesamte Textvolumen des Internets (79).

Sollen Publikationserweiterungen bzw. -anreicherungen wissenschaftlich bewertbar und also zitierbar sein, steht auf der Anforderungsseite eine genaue Definierbarkeit des Objekts sowie eine eindeutige und dauerhafte Adressierbarkeit über persistente Identifikatoren (2141). Eine Voraussetzung jeder Art von digitaler Objektverknüpfung stellen maschinenlesbare und weiterverarbeitbare Metadaten dar (599).

Dem Hypertext-Prinzip folgend werden bei Enhanced Publications digitale Objekte auch anderer als textueller Natur verknüpfbar. Auf diese einzelnen Komponenten kann jeweils auch separat zugegriffen werden (1295). Sie gelten zum Teil als Einzelpublikationen (2136) und werden separat mit eigenen Metadaten verwaltet.

Spricht man über Enhanced Publications, werden allgemein Aspekte wie Kontextualisierung (452), Verlinkung (452, 533), Integration von einzelnen Komponenten, also digitalen bzw. Datenobjekten (452, 1513) benannt. Abstrakt handelt es sich um ein Agglomerat von Daten und Beschreibungen dieser Daten, z.B. Aufsätzen (2286). Man nennt dies auch Compound Objects (599). Dies sind aus mehreren separaten Teilen durch Verknüpfungen erstellte Publikationsobjekte, bei denen es meist ein zentrales Bezugsobjekt gibt, das beliebig erweitert werden kann (599, 2142). Eine solche Publikation besteht also abstrakt aus drei Grundkomponenten: dem Bezugsobjekt, den angeschlossenen Publikationsobjekten sowie der Dokumentation der Vernetzung (2142).

Die Objektkonstellationen ermöglichen ein modulares und zeitlich abgestuftens Publizieren (956, 1279). Sobald ein Publikationsteil fertig ist, kann es online gestellt und zum Beispiel über Soziale Netzwerke mit der Bitte um Kommentare kommuniziert werden (600). Konzeptionell besteht keine Notwendigkeit, eine fixe Endfassung festzulegen. Es sind also beliebig viele Versionierungen möglich. Handelt es sich nur um Textmaterialien, sind die dabei auftretenden Herausforderungen überschaubar (966).

Als Zusatzmaterialien in Enhanced Publications werden neben anderen Texten unter anderem auch Forschungsdaten (598, 954, 2022, 2286) und Digitalisate (954), Bilder, Audio- und Videoinhalte (954, 2021, 2772) sowie Begleitmaterialien wie Tutorials (598) benannt. Auch Instrumente zur Datenerhebung wie Fragebögen sind bereits jetzt als Beigaben zu Publikationen üblich und können entsprechend Teil dieser Agglomerate werden (160). Andererseits wird auch dafür plädiert, die Differenzierung von Forschungsdaten und den sich auf diese beziehenden Publikationen beizubehalten (2286).

Eine zentrale Feststellung besteht weiterhin darin, dass beim Enhanced Publishing nicht einfach multimediale Inhalte die Rolle übernehmen, die in traditionellen Publikationen Illustrationen innehatten (2301). Vielmehr handelt es sich um genuin neue Formen des Publizierens (668, 3139, 3141). Es werden Dinge darstellbar, für die es im Nicht-Digitalen keine Darstellungsmöglichkeiten gab (3141, 3159). Das Statische tritt zugunsten dynamischer Formen in den Hintergrund (1362, 1377).

Besonders die Kunstwissenschaften und die Archäologie betonen die Potentiale explizit für dreidimensionale Objektsimulationen (1014). Aber auch in anderen Disziplinen werden 2D- und 3D-Digitalisierungen von physischen Forschungsobjekten relevant (727, 956). Dies gilt insbesondere für die Archäologie aber auch für andere materialorientierte Wissenschaften wie z.B. Kunstgeschichte, Ethnologie, Wissenschaftsgeschichte (956) oder auch Architektur (1014). Allerdings sind die dafür notwendigen Darstellungsmittel bislang kaum entwickelt und gelten als Desiderat (1014).

Die Idee der Multimedialität geht also über die Formate Audio und Video hinaus und lässt sich als Verknüpfung unterschiedlicher Medienobjekte verstehen (1227, 2373). Auch aus dem Printumfeld bekannte Medienbeigaben, z.B. Daten-, Bild- und Tonträger sind entsprechend mit anderen Publikationselementen direkt integrierbar (3019). Selbst analoge Objekte wie Auststellungskataloge oder Museumsobjekte lassen sich mit digitalen Publikationsnetzen verknüpfen. Ein Mittel sind QR-Codes, die über mobile Kommunikationstechnologie auslesbar weiterführende Inhalte abrufbar machen (894). In allen Fällen ist die Verknüpfung der Objektrepräsentation mit beschreibenden, erschließenden und analysierenden Daten und Texten zentral (727, 956).

Diese können beispielsweise in Editionen in einer Form umgesetzt werden, dass eine direkte, auch bearbeitende Interaktion mit dem Digitalisat möglich ist (2864). Die Möglichkeiten des Enhanced Publishing betreffen demzufolge sogar unmittelbar die Methodologie der jeweiligen Fächer (3018), beispielsweise in Zusammenhang mit Virtuellen Forschungsumgebungen (618, 1864). So kann das Verknüpfen bzw. Kuratieren selbst einen forschungsrelevanten Charakter übernehmen (2231).

Die Modularisierung wirkt sich zugleich auf die Textproduktion aus. Die Texte werden kürzer und liegen unter Umständen auch als so genannte Mikro- oder Nanopublikationen vor (1476). Die eindeutige Zuordnung des Status der “Publikation” wird dabei schwieriger. Man bewegt sich in einem Übergangsraum zwischen Publikation, Teil- und (Noch-)Nicht-Publikation (2134) mit Versionen und Zwischenstufen. Bestimmte Umsetzungen wie beispielsweise Visualisierungen oder Datenbanken gehen schließlich über den Status einer Erweiterung hinaus und werden als nachfolgende eigenständige Publikationsobjekte mit bestimmten Spezifika verstanden (685, 956, 2021).

Ein weiteres Feld eröffnet sich bei der Betrachtung von Prä- und Postpublikationsaktivitäten unter anderem des modularen Publizierens bzw. des Publizierens unterschiedlicher Fassungen eines Publikationsobjektes (506). So wird die Veröffentlichung von Erstfassungen benannt, die den Publikationsprozess beschleunigen und zugleich die Möglichkeit des Feedbacks eröffnen, anhand dessen Autoren diese Fassung auf eine Endfassung hin überarbeiten können (506).

Eine weitere Idee ist es, die mögliche Erfassung und Auswertung von Postpublikationsdaten für die Forschungsevaluation zu verwenden (694, 817). Hierbei könnte mittels Nutzungsmessungen bewertet werden, wie sehr ein wissenschaftliches Ergebnis zu Folgeforschungen führt, also nachgenutzt wird (506). Dabei geht es nicht um reine Zitationen sondern um tatsächliche Weiternutzungen der Ergebnisse (694). Zugriffsstatistiken haben in ihrem Aussagewert ihre Grenzen, werden aber durchaus als relevant angesehen (817). Weiterhin ist sind objektnahe Interaktions- und Diskursverläufe, wie sie beispielsweise im Social Tagging und mittels Kommentarfunktionen möglich werden, von Bedeutung (817). Nicht zuletzt eröffnen die Möglichkeiten des Enhanced Publishing den Forschenden auch neue Möglichkeiten zur Selbstbeobachtung (3159).

Vieles spricht für einen Bedarf an erweiterte Publikationsformen, nicht zuletzt im Zuge der wachsenden Popularität des Themas Forschungsdatenpublikation (667, 2022). Generell geht man von einem komplementären Nebeneinander bzw. einem sukzessiven Verschmelzen traditioneller (z.B. der Monografie) und neuer Publikationsformen aus (667). Die Erweiterung des wissenschaftlichen Publikationsgeschehens ist in diesem Sinne auch durchaus konzeptionell zu verstehen (669).

Eine andere Frage ist, inwieweit welcher Gestaltungs- oder auch Formalisierungsgrad eines Objektes den Status der Publikation kennzeichnet. So gibt es den Vorschlag Kommunikationsobjekte von Publikationsobjekten zu unterscheiden (669). Das Kriterium sind hierbei qualitätssichernde Schritte “mit Revisionsprozess, DOI-Vergabe und Langzeitarchivierung” (669).

Aus wissenschaftsdemographischer Sicht findet sich auch die die Antizipation sich wandelnder Einstellungsmuster. Es wird angenommen, dass kommende Wissenschaftsgenerationen bzw. Nachwuchswissenschaftler die Idee der Granularität und damit der Modularität von Dokumenten selbstverständlicher ansehen (1279). Hier zeigt sich eine zwiegespaltene Einschätzung: Es gibt einerseits eine deutliche Skepsis (2312, vgl. auch Abschnitt Kritik) und andererseits wird den Nachwuchswissenschaftern auch aktiv der Schritt hin zum Publizieren von Enhanced Publications angeraten (1461).

Neue Funktionalitäten

Als erweiterte Funktionalitäten digitaler Publikationen lassen sich auf der Basis der Interviewaussagen folgende Schwerpunkte typologisieren:

  • Strukturierung
  • Interaktion
    • Annotationen (15, 667, 3024)
    • Social Reading (1630, 1864)
    • Dynamisierung durch generative Inhalte (1377)
    • Kommentarfunktion (600)
    • Kuratierung vernetzter Datenstrukturen (2231)
    • Open Peer Review (1629)
    • Teilbarkeit im Social Web (600)
  • Postpublikationsaktivitäten
    • Forschungsevaluation und -dokumentation (694, 3159)
    • Tracking von Nutzerbewegungen als Dokumentation (2230)
    • Wissenschaftsvermittlung (2110)
Etablierung und Umsetzungen

In allen Befragungen wurde deutlich, dass Enhanced Publications bisher kaum das wissenschaftliche Publikationswesen erreicht haben. Es gibt hauptsächlich Umsetzungen auf Projektebene bzw. experimenteller Natur (2023). Das PDF ist derzeit nach wie vor die beim elektronischen Publizieren etablierte Form (1229). Erweiterte PDF-Formate können unter Umständen bereits zu den Enhanced Publications gezählt werden (3157, 3159). Die Überlegungen der Anbieter von Publikationsplattformen, wie sie die Bandbreite und die Möglichkeiten des digitalen Publizierens besser adressieren können, um die damit verbundenen Mehrwerte stärker zu nutzen, können auch das PDF als eine Ausgabeform miteinbeziehen (663), beispielsweise als Grundlage einer für die Langzeitarchivierung optimierten Fassung (1975, vgl. auch unten).

Als Best-Practice-Beispiel für eine erweiterte Publikation wird die digitale Variante des Buchs “Planned Obsolescence” von Kathleen Fitzpatrick benannt (1629). Diese Monografie wurde als eine Vorstufe zur eigentlichen Veröffentlichung online gestellt, um ein Open-Peer-Review zu ermöglichen (1629). Ein weiteres Beispiel ist der Sammelband “Debates in the Digital Humanities”, der eine Reihe von Funktionen des Social Reading enthält sowie eine weborientierte Navigation bietet (1630).

Anwendungen von Enhanced Publications sind derzeit eher in den Naturwissenschaften bekannt (245, 1891, 2021). Ein Beispiel ist die Publikation von Messdaten in der Astrophysik (1219). In dieser und ähnlich arbeitenden Disziplinen wurde demnach die Idee der “Single-State-Publication” von verknüpften Datenpublikationen abgelöst (1219). Man kann davon ausgehen, dass der Einfluss von digitalen Technologien auf Fachwissenschaften zu Spezialisierungen (beispielsweise der Computerlinguistik) führt, die durch einen höherem Anteil an multimedialen und vernetzten Publikationen gekennzeichnet sind (1295). Auf der Konzeptebene sind Enhanced Publications allerdings disziplinenübergreifend vergleichbar (3295).

Konkreter werden die Anwendungsfälle für Disziplinen benannt, die digitalisierte physische Forschungsobjekte bzw. Quellen als Bezugsgrundlage haben (2023). Diese können gerade in den Geisteswissenschaften durchaus identisch mit den jeweiligen Forschungsdaten sein. So wurden Manuskripte als Hauptform geisteswissenschaftlicher Forschungsdaten benannt (2021). Hier sind Verfahren einer Vernetzung von Objektdigitalisat und den auf dieses bezugnehmenden Texten durchaus etabliert (727). Allerdings ist es nicht klar, wie weit diese Vernetzung in der Umsetzung reicht (1229). Möglich ist jedenfalls die Erstellung von mehrdimensionalen Objektnetzwerken (2023) oder auch die Integration von Quellen in die Publikationen zum Beispiel in der Philologie oder in historischen Fächern (2109).

Es wird zudem ein Beispiel aus dem Museumsbereich erwähnt, bei dem per Audioguide der reale Weg durch eine Ausstellung aufgezeichnet und dem Besucher als Dokumentation zur Verfügung gestellt wird (2020). In diesem Fall ist die aktive Datenerhebung direkt in einen Interaktionsprozess mit Forschungs- bzw. Betrachtungsobjekten eingebunden.

Mögliche weitere Anwendungsfälle für Erweiterungen sind Bibliografien, Editionen, Lexika, Lehrbücher und Werkverzeichnisse (1413, 1444, 1515), also Publikationsformen, die weniger auf den wissenschaftlichen Diskurse und mehr entweder auf die Materialvermittlung, unter anderem auch von Forschungsdaten oder die Synopse etablierten Wissens ausgerichtet sind. Auch für Ausstellungskataloge kommen Enhancements und entsprechende Plattformen, beispielsweise virtuelle Forschungsumgebungen in Frage (1864). Besonders in den Digital Humanities sind erweiterte digitale Editionen ein wichtiges Thema (1515, 2373). In den Geisteswissenschaften spielen Enhancements zudem dort eine Rolle, wo es Visualisierungen gibt, beispielsweise als Geomapping (1891, 1892).

Auf der Ebene der Textstrukturen ist das XML-Format ein de facto standard, da es sehr flexibel Erweiterungen und Einbettungen zulässt (1475). Es gilt auch als Basis für Alternativen zum PDF-Format (1475). Eine interessante Perspektive stammt aus der Musikwissenschaft, in der MEI-Strukturdaten mit Audioaufnahmen verknüpft werden können (2772). Hier überlegt man angesichts dieser Möglichkeit, gezielt Einspielungen vorzunehmen (2772).

Als weiterer und bisher vor allem für die tatsächliche Erprobung entsprechender Enhancements in Frage kommender Bereich ist das E-Learning (813). Weiterhin wird die Idee angesprochen, Enhancements gezielt zur Popularisierung, also zur Vermittlung geisteswissenschaftlicher Inhalte zu benutzen (2110, 2373). Anwendungsfälle sind Multimedia-Dokumente beispielsweise aus der Oral History oder in Überblicksportalen zu bestimmten Themen (2210, 2373).

Unklar ist bislang wie sich Kostenmodelle für Enhanced Publications gestalten. Es gibt durchaus die Position, dass diese Publikationsformen im Ergebnis nicht viel mehr Kosten aufwenden als die Drucklegung einer Veröffentlichung (888).

Kritik und Probleme

Enhanced Publications werden nicht zwangsläufig als Format der Zukunft angesehen (373, 2087, 2204). Es gibt die Feststellung, dass zu viele Erweiterungen störend wirken (373). So können etwa Bilder den Textfluss zu sehr brechen (373). Insgesamt ist abzuklären, wie viel Enhancement bzw. Dynamik den Leserinnen und Leser für das jeweilige Nutzungsszenario sinnvoll erscheint (380, 1132). Es wird die Gefahr gesehen, sich in “Spielereien” zu verlieren (622), zudem droht durch eine Überbetonung der Form, dass der Inhalt in den Hintergrund gedrängt wird (825). Diese Kritikpunkte könnten eine Ursache für die ausbleibende Nutzung entsprechender digitaltechnischer Möglichkeiten sein (2357). Generell wünscht man sich in Bezug auf Erweiterungen die Bereitschaft zur Selektivität (380). Dass etwas technisch oder theoretisch möglich ist, bedeutet nicht zwingend, dass es auch praktisch sinnvoll ist (1132, 1133).

Bisher, so wird betont, haben sich die Experimente im Bereich der multimedialen Anreicherung nicht als nachhaltig erwiesen (2087). Das könnte auch darin liegen, dass es bisher nicht gelang, eine relevante bzw. “kritische” Menge solcher Publikationen zu erzeugen, die für die Akzeptanz notwendig ist (2204). Zudem werden die technischen Hürden als hoch eingeschätzt (3394).

Die Größe und Komplexität von Enhanced Publications bzw. Compound Objects können sehr umfangreich werden (618). Daher liegt ein weiteres Risiko bei aus verbundenen Objekten zusammengesetzten Publikationen im möglichen Verlust einzelner an- oder eingebundener Publikationsteile und möglicherweise entstehenden Lücken (49, 966).

Lücken können auch aufgrund rechtlicher Beschränkungen entstehen, wenn die Abbildung einzelner von für den Forschungsprozess relevanten Komponenten, z.B. multimedialer Belege, aus urheber- oder datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich ist (49, 609 ).

Ebenfalls zu lösen bleibt die Frage nach dem passenden Kommunikationskanal und der Hostinglösung. Man muss beispielsweise abwägen, ob ein Publikationsobjekt auf einem Repositorium, also fixiert, oder in einer Virtuellen Forschungsumgebung bzw. einer ähnlichen Infrastruktur, also direkt be- und verarbeitbar, besser aufgehoben ist (618). Sinnvoll scheint, diese Objekte möglichst wissenschaftsnah zu halten (618).

Wenn Infrastruktureinrichtungen nicht mit den Autorinnen und Autoren kooperieren, sondern möglicherweise eigene technische Lösungen entwickeln, sind diese vielleicht formal funktional, entsprechen aber nicht den Ansprüchen der Zielgruppe und werden nicht angenommen (638). Insgesamt erweist sich das Fehlen von Standards und übergreifenden Konzepten für den Umgang mit nicht-textuellen bzw. multimedialen Materialien als bremsend (966, 1014).

Fachkulturelle Hürden zeigen sich auch bei der Akzeptanz bestimmter Darstellungsformen bzw. bereits der Terminologie: “Enhanced Publication” gilt teilweise als “Buzzword” und wird daher per se abgelehnt (2597). Dass dynamische und angereicherte Formen ein Trend in den Geisteswissenschaften sind, wird eher nicht gesehen (1412). Die Potenziale beispielsweise des XML-Formats sind teilweise innerhalb der Geisteswissenschaften unbekannt (1515). Sind sie zu innovativ, werden sie als wenig seriös eingeschätzt (857). Teilweise fehlt auch ein Verständnis für die Anforderungen und Strukturen von erweiterten Publikationen. Die Idee der Enhanced Publication ist kaum verbreitet, da Musteranwendungen fehlen (2301), zumal viele Autorinnen und Autoren wenig Erfahrungen mit diesen Technologien aufweisen (3340).

Man geht jedoch teilweise davon aus, dass sich dieses Verständnis mit den nachfolgenden Wissenschaftsgenerationen ändert (1295). Unklar ist allerdings, ob die Nachwuchswissenschaftler tatsächlich anders publizieren werden, da ihre Ausbildung und Karriere meist unter traditionellen Kreditierungsbedingungen erfolgt (2300, 2321). Zudem lassen sich Vermittlungslücken in der Lehre feststellen (2321).

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass Erweiterungen und Anreicherungen bisher kaum von den Communities zitiert, evaluiert bzw. als wissenschaftliche Leistung anerkannt werden (2137). Hierfür fehlen bisher sowohl Best-Practice-Beispiele als auch fachkulturelle Standards (2300). So ist offen, welchen wissenschaftlichen Wert eine Anreicherung haben kann (2138). Praktisch wäre also differenziert zu ermitteln, welchen Stellenwert eine Anreicherung im jeweiligen Publikationszusammenhang einnimmt (2140).

Eine sehr große Herausforderung liegt schließlich im Bereich der Langzeitarchivierung (1070, 1229, 1975, 2876). Bereits für eine mittelfristige Pflege solcher Angebote gibt es Unklarheiten hinsichtlich der Zuständigkeiten (2204). Für PDF-Dokumente wird die Möglichkeit einer physischen Archivierung per Ausdruck erwähnt (1975). Es besteht aber bisher weder ein Konsens darüber, wie lange diese Forschungsdaten und Publikationen zu Forschungsvorhaben vorgehalten werden sollen noch wie diese Vorhaltung technisch umgesetzt werden kann (909). Noch komplexer wird die Angelegenheit, wenn der Anspruch besteht, auch die Enhancements, also bestimmte Dienste, Funktionen oder Darstellungsweisen zeitlich persistent vorzuhalten (909). Dies ist für die Betreiber der entsprechenden Plattformen sehr aufwendig (2204). Hier sind, so wird betont, Standards und stabile Archivierungsformate notwendig (1070).

Aufgaben

Als ein wesentliches Kriterium für die Entwicklung erweiterter digitaler Publikationen wird die Zweckmäßigkeit angesehen. Ausschlaggebend bei der Entwicklung sind die Funktionen, die die Nutzenden tatsächlich benötigen (1132). Daraus läßt sich ableiten, dass entsprechende Bedarfe zunächst einmal ermittelt werden müssen.

Allgemein lässt sich festhalten, dass man bei der konkreten Umsetzung die Herausforderung bzw. Notwendigkeit derzeit vor allem sieht, Forschungsdaten mit den sie beschreibenden Publikationen zu verknüpfen (622). Die Aspekte Interaktion und Innovation für digitale Publikationen erscheinen dagegen nachgeordnet (622).

Weiterhin wird ein Bedarf für Best-Practice- bzw. Musteranwendungen geäußert (2300, 2301). Andere Maßnahmen zur weiteren Etablierung und Entwicklung von Enhanced-Publication-Standards liegen im Bereich der Weiterbildung und der Förderung entsprechender Projekte (2312). Die Standards selbst sollten ebenso wie die Basis beispielsweise automatisierbarer Verfahren durch die Infrastrukturanbieter zur Verfügung gestellt bzw. vermittelt werden (2903).

Eine Aufgabe für Bibliotheken ist es, die digitalen Textstrukturen wie beispielsweise semantische Netze strukturell zu verstehen und zu beherrschen (79). Weiterhin gibt es auch Fälle, in denen die Bibliothek als Initiator von Projekten in diesem Bereich aktiv wurde, so am MPIWG (2023), was durchaus Vorbildwirkung haben könnte.

Auch müssen bei technisch anspruchsvollen Publikationsformen Infrastruktureinrichtungen direkt mit den Autoren zusammenarbeiten (638). Autorinnen und Autoren sollten befähigt werden, Anreicherungen selbst vornehmen und koordinieren zu können (2720, 2721). Für Anreicherungen selbst ließen sich folglich Autorschaften angeben. Die dafür notwendigen technologischen Lösungen sollten ihnen von den Infrastruktureinrichtungen zur Verfügung gestellt werden (3364).

Es wird der Bedarf nach Beratungs- und anderen Dienstleistungen für den Umgang mit nicht-klassischen Publikationsformen geäußert (326). Explizit wird ein “Kompetenzzentrum für digitales Publizieren und [den] Umgang mit Forschungsdaten” ins Spiel gebracht (326).

Informationsinfrastruktureinrichtungen finden sich dort erwähnt, wo das dynamische Publizieren besonders auf die Vernetzung von und mit Forschungsdaten und mögliche Nachnutzungen ausgerichtet ist (1444). Besonders wenn sich dies mit erschließenden Tätigkeiten vermischt, sind Bibliotheken und Repositorien angesprochen (2721). Dies wird zudem dann deutlich, wenn es um die Nachnutzung von Datenpublikationen geht. Dafür erweist sich Open Access als sinnvoll und notwendig (685). Dabei könnte also auf in diesen Einrichtungen vorhandene Expertise und Infrastruktur zurückgegriffen werden.

Das wissenschaftliche Publizieren wird nicht allein als Infrastrukturaufgabe gesehen, sondern könnte auch von Akteuren außerhalb des Wissenschaftsbetriebes übernommen werden (1961). Inwieweit Verlage den großen Aufwand der Entwicklung von Enhanced Publications bei einem zugleich schwer abzuschätzenden Absatzmarkt auf sich nehmen, ist unklar (1463). Entsprechende Aktivitäten der Verlage sind in Anfängen zu beobachten (2034). Aufgrund ihrer Expertise kommen sie vor allem als Kooperationspartner in Frage (1463).

Erwartungsgemäß werden die Bibliotheken und Repositorien im Bereich der Langzeitarchivierung und Persistenzsicherung erwähnt (1070, 2721, 3364). Sie könnten als Minimallösung vereinfachte bzw. vereinheitlichte Formen der vernetzten Publikationen bewahren (1070). Als Ansatz wird das DjVu-Format erwähnt, dass dem PDF ähnelt, die einzelnen Teile aber auf verschiedenen Ebenen getrennt aufbewahrt (1229). Eine andere Möglichkeit wäre es, leichter archivierbare Substrate der Publikationen als Dokumentation zu bewahren (1070). Für die Software-Archivierung gelten diese Herausforderungen ebenfalls (1975). Dass sie auch die vernetzten Publikationen dauerhaft bewahren können, wird skeptisch gesehen (1070). Der technische Betrieb, also das Hosting, liegt jedoch auch perspektivisch der Verantwortung der Bibliotheken und Infrastruktureinrichtungen (2721).

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Enhanced Publications konzeptionell bekannt sind, praktisch bisher weitgehend nur als Experimente umgesetzt und noch keineswegs etabliert sind sowie eine Reihe von Anforderungen an Wissenschaft und Infrastruktureinrichtungen herangetragen werden. Die Potenziale solcher Publikationsformen und generell der digitalen Transformation der wissenschaftlichen Forschung und Kommunikation werden aber perspektivisch zu einem wachsenden Anteil von Vernetzungen, Erweiterungen und Anreicherungen von Publikationen führen. Daher ist es sowohl für die Wissenschaftsgemeinschaften wie auch für die Infrastrukturanbieter notwendig, diese Entwicklung zu verstehen, zu beobachten und zu gestalten.

(Berlin, 01.02.2016)

Lizenz

Icon for the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License

Das Fu-PusH-Weblog by Ben Kaden & Michael Kleineberg is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License, except where otherwise noted.

Dieses Buch teilen

Rückmeldung / Fehlermeldung

Kommentare sind gesperrt