73 Fu-PusH Dossier: Infrastruktureinrichtungen und Empfehlungen

2016-01-26

In den Fu-PusH-Dossiers werden die im Projekt erhobenen Forschungsdaten ausgewertet und zusammengefasst. Für die Auswertung werden jeweils aus Sicht des Projektes relevante thematische Relationen, ermittelt anhand von Kookkurrenzen von Tags, betrachtet. Die Datengrundlage des vorliegenden Dossiers umfasst die 48 Statements, die sowohl mit Infrastruktureinrichtungen als auch mit Empfehlungen gefiltert wurden.

Kernaussagen

  • Bedarfsanalysen zur nutzerorientierten Infrastrukturentwicklung sind erforderlich.
  • Niedrigschwellige Infrastrukturangebote sind notwendig.
  • Kompetenznetzwerke auch zwischen Bibliotheken und Fachwissenschaft sollten auf- bzw. ausgebaut werden.
  • Unterschiede der Publikationskulturen sind anzuerkennen.
  • Es ist notwendig, Anreize zum Open-Access-Publizieren zu bieten.
  • Verlegerische Tätigkeiten sollten nur auf Initiativen von und in Kollaboration mit den Fachwissenschaften übernommen werden.
  • Bereits vorhandene lokale Stärken bei Publikationsdienstleistungen sind idealerweise zu verknüpfen. Spezialisierung und Kollaboration sind sinnvoller als jeweilige Komplettangebote.
  • Die Digitalisierung des kulturellen Erbes mit einer zeitgemäßen Erschließungstiefe ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe.
  • Eine weitere zentrale Rolle der Infrastrukturanbieter wird im Bereich der Qualitätssicherung gesehen.
  • Die Integration von Infrastrukturanbietern mit dem Forschungsprozess ist zu fördern.
  • Die Autorenbetreuung für das Publizieren in Repositorien sollte mit stärkerer Dienstleistungsorientierung ausgebaut werden.
  • Es ist wichtig, Kommunikations- und Kollaborationsstrukturen für Infrastrukturanbieter und Fachwissenschaften zu etablieren.

Auswertung

Gedächtnisinstitutionen kommt die Aufgabe zu, das kulturelle Erbe in das digitale Zeitalter zu bringen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit. Zunächst muss jedoch oft erst ein digitales Abbild dieser Objekte erzeugt werden. Dafür sind abgestimmte Digitalisierungprojekte bzw. Konversionsprozesse sowie die Erweiterung der Erschließungstiefe (z.B. Volltextindexierung, semantische Strukturierung) erforderlich (101).

Der generelle Zugang zu Dokumenten wird als entscheidender angesehen als etwa die Gestaltung von Nutzeroberflächen mit vielen zusätzlichen Features. So wird darauf hingewiesen, dass die Mehrheit aller Nutzerinnen und Nutzer lediglich die Downloadfunktion in Anspruch nimmt und dagegen kaum die angebotenen Zusatzdienste (z.B. Blätterfunktion für digitalisierte Bücher) (75).

Universitätsbibliotheken sollten ihre digitalen Angebote einfach und leicht zugänglich machen, u.a. indem nutzerfreundliche Rechercheinstrumente entwickelt und implementiert werden (469, 564). Dabei ist zu beachten, dass Nutzerinnen und Nutzer ihre Informationsuche keineswegs an Campus-, Sprach- oder Landesgrenzen orientieren (803).

Infrastruktureinrichtungen sind zudem verantwortlich für die Standardisierung von Metadaten und Referenzmodellen. Allerdings sind bisher vorhandene Konzepte wie CIDOC-CRM so komplex, dass sie kaum Anwendung finden. Hier werden niedrigschwelligere Angebote erwartet (991).

Prinzipiell wird Infrastruktureinrichtungen geraten, keine Rundumlösung anzustreben, sondern die Nutzerorientierung, also die Ausrichtung auf die konkreten Bedarfe der Nutzerinnen und Nutzer in der Vordergrund stellen. Dies setzt eine Bedarfsanalyse der konkreten Nutzergruppen voraus (306). Geschieht dies nicht, besteht auf der einen Seite die Gefahr der Entwicklung von Werkzeugen, die später keine Anwendung finden (637, 638). Auf der anderen Seite könnten nicht erkannte Bedarfe dazu führen, dass verstärkt Angebote und Ansprechpartner außerhalb von Bibliotheken bzw. Rechenzentren gesucht werden (756).

Universitätsbibliotheken werden ermutigt, mehr in experimentelle Entwicklungsarbeit für Repositorien sowie auch in verlegerische Dienstleistungen zu investieren (3247).

Allerdings gibt es konträre Meinungen dazu, inwieweit Infrastruktureinrichtungen die verlegerische Rollen übernehmen sollten, da die Komplexität von Aufgaben wie Marketing oder Distribution häufig unterschätzt wird (2222, 2717). Bei der Übernahme von verlegerischen Tätigkeiten wird vor allem der Reputationaspekt als entscheidend angesehen (188). Folglich rät man davon ab, auf Repositorien Materialien pauschal und ohne Qualitätsprüfung zu publizieren (867). Bei möglichen Verlagsgründungen sollte die Initiative auf jeden Fall aus den jeweiligen Fach-Communities erfolgen. In den Gemeinschaften verankerte Bottom-Up-Lösungen haben größere Erfolgsaussichten als von den Infrastrukturanbietern initiierte Top-Down-Ansätze (774).

Den Forschungseinrichtungen wird ebenfalls davon abgeraten, ein umfassendes Dienstleistungsangebot zum digitalen Publizieren anzustreben. Stattdessen wird eher eine Zusammenarbeit mit weiteren Stakeholdern bzw. spezialisierten Anbietern empfohlen. Insbesondere sollten Infrastruktureinrichtungen untereinander arbeitsteilig kooperieren (179, 307, 2860).

Es wird den Infrastruktureinrichtungn angeraten, deutlich stärker auf die Wünsche, Vorbehalte und Kritiken der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu hören und anzuerkennen, dass große Unterschiede in den Publikationskulturen innerhalb der geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen bestehen. Insbesondere sollten Autorinnen und Autoren, die keine Open-Access-Strategien verfolgen, nicht pauschal als rückständig angesehen werden (238, 306, 563).

Eine zentrale Aufgabe von Infrastruktureinrichtungen wird erwartungsgemäß in der Entwicklung von Open-Access-Infrastrukturen gesehen. Zur Nutzungsmotivation sollten Anreizsysteme geschaffen werden, die eher über Belohnung anstatt Bestrafung funktionieren. Die Freiheit sich für eine Publikationsstrategie zu entscheiden, sollte dabei auf keinen Fall eingeschränkt werden (231).

Viel eher sollten Infrastruktureinrichtungen Autorinnen und Autoren ermutigen und gegebenenfalls unterstützen, Verlagsverträge stärker und bewusster nach ihren Interessen auszuhandeln (207). Insbesondere bei der Debatte um die Wahrnehmung des Zweitveröffentlichungsrechtes könnten Bibliotheken eine Vermittlerposition einnehmen (797).

Die Förderung von Open-Access-Publikationen bei gleichzeitigen Kosten für Subskriptionen stellt Bibliotheken zwar vor eine finanzielle Doppelbelastung. Dennoch wird dieser Weg auch langfristig als notwendig erachtet (2066, 3065).

Bibliotheken und Rechenzentren sollten sich um eine stärkere Integration des Forschungsprozesses bemühen und möglichst bereits bei der Antragstellung mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten, um beispielsweise gemeinsam Publikationsstrategien zu erarbeiten (638, 768). Es wird empfohlen, den Austausch zwischen Bibliothek und Fachwissenschaften institutionell zu moderieren (2729, 2795).

Bei der Infrastrukturentwicklung sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Anwendung neuer Werkzeuge für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neue Herausforderungen und gegebenenfalls auch Hürden darstellt (305). Zudem sollte bei der Entwicklung von Forschungswerkzeugen und Korpora der heterogene europäische Kontext beachtet werden, was sich insbesondere auf Ansprüche an die Multilingualität auswirkt (2400).

Universitätsbibliotheken und Rechenzentren sollten digitale Publikationsdienstleistungen proaktiv und sichtbar anbieten (1438, 1462). Damit sollte verhindert werden, dass einzelne Institutionen bzw. Fakultäten solche Kompetenzen isoliert aufbauen (1437). Die zentralen Informationsversorgungseinrichtungen der Hochschulen sind also gehalten, umfassend auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zuzugehen.

Eine zentrale Herausforderung des digitalen Publizierens wird in der Qualitätssicherung gesehen. Infrastruktureinrichtungen könnten sich durch qualitätsorientierte Dienstleistungen als Ansprechpartner für Autorinnen und Autoren etablieren (2727, 2860).

Repositorienbetreiber sollten eine stärkere Autorenbetreuung anbieten, damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besonders von dem mit der Formalisierung der Dokumente verbundenen zeitlichen und technischen Aufwand entlastet werden (822).

Die Archivierung von Publikationen war traditionell die Aufgabe der Bibliotheken und nicht der Verlage. Das wird auch bei der Langzeitarchivierung für digitale Publikationen so gesehen (65, 1057). Dies gilt insbesondere, da im Gegensatz etwa zu den Naturwissenschaften in den Geisteswissenschaften von vergleichsweise langfristigen Zeiträumen ausgegangen werden muss, in denen Dokumente wissenschaftlich relevant sind und verfügbar bleiben müssen (65). In diesem Zusammenhang wird dafür plädiert, die Publikationskosten unter Berücksichtigung der Kosten für die Langzeitarchivierung als Bestandteil der Programmpauschale anzusehen (566).

(Berlin, 26.01.2016)

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