48 Gibt es Schnittmengen zwischen digitalem Journalismus und digitaler Wissenschaftskommunikation?

2015-07-01

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Beobachtung von Trends im Bereich der Enhanced Publikationen im Rahmen des Fu-PusH-Projektes zeigt, dass es für das erweiterte Publizieren im Web derzeit einen besonders heißlaufenden Innovationsinkubator gibt. Dieser befindet sich nicht im Feld der Wissenschaft sondern im Onlinejournalismus. Das NiemanLab, stabil zu empfehlender Anlaufpunkt zu Entwicklungen in diesem Bereich, veröffentlichte daher gestern einen Beitrag, in dem Ideen des Facebook-CEOs Mark Zuckerberg zur Zukunft einer Facebook-moderierten journalistischen Arbeit zusammengefasst werden.

Auffällig ist an dieser Entwicklung, dass die Einbindung und Dissemination von journalistischen Inhalten (man kann beim Digital Journalism wohl nicht mehr wirklich von Presse und vermutlich auch nicht mehr von Artikeln sprechen) in diesem Szenario nicht mehr als Erweiterung verstanden werden kann. Vielmehr wird das Soziale Netzwerk direkt zur Publikationsplattform. Inwieweit die Inhaltsobjekte unanabhängig genug sind, um auch außerhalb von Facebook vernetzt zu werden. Eindeutig lässt sich jedoch auch hier ein Anspruch an Granularisierung, also das Zergliedern von Inhaltselementen bzw. Teilen einer Story in separat publizier- und vielleicht kombinierbare Einheiten feststellen. Zuckerberg:

„There’s an important place for news organizations that can deliver smaller bits of news faster and more frequently in pieces.“

Die zweite aus Sicht der Publikationserweiterungen relevante Entwicklung zeichnet sich im Bereich multimedialer Inhalte bzw. „rich content“ ab:

„On richness, we’re seeing more and more rich content online. Instead of just text and photos, we’re now seeing more and more videos. This will continue into the future and we’ll see more immersive content like VR. For now though, making sure news organizations are delivering increasingly rich content is important and it’s what people want.“

Inwieweit sich gerade aus der Prognose einer zunehmenden Bedeutung von Prinzipien der virtuellen Realität – ein Ansatz an dem sich vor einigen Jahren aus einer anderen Warte der Hype um Second Life abarbeitete – auch in die Wissenschaft einbringen werden, muss man genauso abwarten, wie die Klärung, ob und wie weit man in solchen Zusammenhängen überhaupt noch von Publikationen sprechen kann. Die virtuellen Forschungsumgebungen wurden jedenfalls vorerst weitgehend als zu mächtig, teuer und unpraktisch für die alltägliche Forschungsarbeit zugunsten einzelner und weniger aufwendiger digitaler Werkzeuge als Entwicklungshorizont für die digitale Wissenschaft zurückgestellt.

Geht man jedoch zum Beispiel im Feld der Digital Humanities davon aus, dass sich einzelne Elemente (z.B. 3D-Simulationen) sinnvoll und leicht zugänglich so granularisieren lassen, dass sie entweder als Laborsimulationen oder als Forschungsdokument in den Prozess der wissenschaftlichen Kommunikation eingebunden werden können, ist es keinesfalls abwegig, auch derartige Elemente für zukünftige Publikationsszenarien in den Geisteswissenschaften in Betracht zu ziehen.

Was multimediale Inhalte betrifft, stellt das Urheberrecht bekanntlich nach wie vor eine ganz zentrale Hürde für eine stärkere Verbreitung dar. Im Idealfall produzieren die WissenschaftlerInnen derartige Inhalte natürlich selber, wie es beispielsweise bei der Visuellen Anthropologie ja schon lange geschieht. Erforderlich wäre hierfür jedoch eine einschlägige Medienkompetenz, die in den Methodenkanon der meisten Fächer erst noch integriert werden müsste. Darüber, ob visual storytelling überhaupt eine Option zur Kommunikation von Forschungsresultaten bzw. zur Gestaltung von Forschungsnarrativen sein kann oder sollte, müssen sich zudem die entsprechenden Fachgemeinschaften überhaupt erst einmal verständigen und dann passende Formate entwickeln.

Insofern bestehen durchaus deutliche Unterschiede zwischen dem webbasierten Publizieren im Journalismus und digital vermittelter wissenschaftlicher Kommunikation. Das sollte die am Thema wissenschaftlichen Publizieren Interessierten allerdings nicht davon abhalten, die Entwicklungen im digitalen Journalismus, die meist mit deutlich höheren Entwicklungs- und Experimentierbudgets ausgestattet sind, im Blick zu behalten. Die genannten Grundprinzipien – Granularisierung z.B. zu Nanopublikationen, multimediale Anreicherungen und partiell auch Simulationen – und auch der Wunsch nach Beschleunigung der Vermittlung weisen durchaus eine gewisse Deckung mit den Ansprüchen wissenschaftlichen Publizierens auf. Und nicht zuletzt vom Datenjournalismus kann die Wissenschaft hinsichtlich des Aspektes der Visualisierung und Forschungsdatenpublikation sehr viel lernen.

NiemanLab / Laura Hazard Owen: Mark Zuckerberg has thoughts on the future of news on Facebook. In: niemanlab.org, 30.06.2015

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