12 Hypothes.is und das Potential von Social Annotation

2014-12-03

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Nimmt man den Twitterstream als Fenster zur Welt, so war heute auf der SWIB14 – Semantic Web in Libraries Conference (#swib14) der Webannotator von hypothes.is das Thema. Es ist schwer einzuschätzen, wie erfolgreich er bisher ist. Der Echtzeit-Annotationsstrom für öffentlich sichtbare Annotation weist derzeit noch nicht auf eine allzu hohe Nutzungsintensität hin. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich das, sofern die technische Performanz das zulässt, bald ändert.

Denn an sich scheint das Werkzeug ein Traum und für die Massenaktivierung ähnlich geeignet wie es die Wikipedia war. Die Bedienung ist denkbar simpel: ein Browserplugin wird installiert der Rest ist eine reduzierte Interaktionsstruktur, die bei Annotationsbedarf ein Editorenfenster öffnet. Alles greift das auf, was man aus dem Web bereits kennt. Wer einmal Social-Bookmarking-Dienste benutzte, benötigt keinerlei weitere Einarbeitungszeit. Aus Usability-Sicht wurde hier schon einmal alles richtig gemacht.

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Annotation zu einem Artikel in der New York Review of Books.

Im Web kann man nun jede Seite bzw. auf jeder Webseite jedes markierbare Objekte (also wenn man mag auch einzelne Buchstaben, Zeichenketten, Bilder) entweder für sich oder mit der Einstellung public öffentlich sichtbar annotieren.

Hypothes.is lässt sich folglich wahlweise als eigenes Werkzeug zur Informationsorganisation benutzen oder als Diskursmedium. Spannender wird es sicher, wenn man die Annotationen anderer mitlesen kann. Derzeit ist es allerdings sehr schwer, überhaupt eine Seite zu finden, auf der es Annotationen mehrerer Nutzer gibt.

Die nächste Stufe: Man kann öffentliche Einzelanmerkungen direkt kommentieren. Dass man auch Tweets (mit leicht Verzögerung) entsprechend direkt anreichern kann, bindet den Annotator auch in der Welt der Social Media ein. Da jede Annotation eine eigene Webadresse besitzt, kann man auch diese mit dem gleichen Verfahren beschreiben.

Die Kulturtechnik der Annotation lässt sich daher, so jedenfalls ein subjektiver Eindruck nach gut zwei Wochen Praxistest, nicht nur als eine Erweiterung des bekannten Social Taggings direkt und problemlos in Webinhalte hineintragen. Zugleich entsteht eine neue Rezeptions- und Kommunikationsebene im Web, ein Metanetzwerk, das sich über die bestehenden Inhalte legt.

Bei ausreichend umfänglicher Nutzung dürfte dies maßgeblich auf die gesamte semantische Webindexierung zurückwirken. Maschinenlesbare von Menschen gesetzte Spuren und Verknüpfungen (Hyperlinks lassen sich problemlos in die Annotationen einbinden) sind das Ideal eines jeden Retrievalsystems (und jedes Big-Data-Analysten). Die Tag-basierte Durchsuchbarkeit (hier am Beispiel „Informationsphilosophie“) ist dafür eher erst der Einstieg in die Möglichkeiten.

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Tagbasierte Suche bei hypothes.is am Beispiel „Informationsphilosophie“.

Bindet man das Ganze noch an ein Soziales Netzwerk zurück und integriert beispielsweise Funktionen, die es ermöglichen Nutzern und Themen oder beidem in Kombination zu folgen, hat man die Basis für ein Retrievalkonzept, dass es so elaboriert vorher kaum gab.

Dass damit Gefahren verbunden sind, dass Cybermobbing eine neue Qualität erreichen kann, dass früher oder später garstiger Spam in die Kontexte eindringt, ist freilich auch klar. Informationsethische Fragen bis hin zu der Überlegung, unter welcher Lizenz die Annotationen verfügbar sind, scheinen bisher nur bedingt geklärt zu sein. An dieser Stelle müssen die Informationsqualität sichernde Filter und Schranken entwickelt werden.

Es ist zudem wahrscheinlich, dass sich die großen Akteure in der Internetökonomie (GAFA und andere) und auch vermutlich in den Wissenschaftsmärkten demnächst in konkreten Produkten sehr intensiv mit diesen Werkzeugen befassen werden. Eventuell gibt es bald diverse solcher Annotationsnetze. Gerade für Wissenschaftsverlage sind derartige Tools zur Rezeptionssteuerung und als Altmetrics-Basis hoch relevant. Wer also nach dem „Next Big Thing“ im Internet sucht, findet es vermutlich eher noch nicht im Internet der Dinge, sondern in einer etwas unscheinbaren Lösung, simpel wie ein Wiki, die zahlreiche Elemente und Prinzipien des Sozialen (Social Tagging, Interaktionen, Soziale Netzwerke) bündelbar macht und zugleich unmittelbar auf Webinhalte zurückbezieht. Eine Etablierung derartiger Verfahren in der wissenschaftlichen Kommunikation hat zudem wahrscheinlich eher noch als Multimedialität das Potenzial, tatsächlich Enhancements in digitale Publikationskulturen zu tragen.

Das erscheint insofern noch als ein besonderer Twist, da mit der digitalen Annotationen eine schriftkulturelle Praxis aufgegriffen wird, die weit älter als die europäische Druckkultur ist: das direkte und unmittelbar Beschreiben eines vorliegenden Objekts, mit dem es sich zu einem neuen Objekt verbindet. Im Netz wird dies nun auf eine neue hypertextuelle Ebene zu dynamischen Verbindungen aus Objekten und Prozessen gehoben, so dass die Unabschließbarkeit (vielleicht auch: das Rhizomatische) des Dokumentengeschehens nur noch evidenter wird.

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