8 Ist das Buch ein Statusmedium? Und was bedeutet das für E-Publikationen?

2014-11-23

Vor einigen Tagen erschien in der International New York Times ein kurzer Bericht darüber, dass sich E-Books auf dem europäischen Buchmarkt vor allem im Vergleich zu den Buchmärkten der USA und in Großbritannien nur in geringem Maße durchgesetzt haben. (Heyman, 2014) In Deutschland liegt der Marktanteil elektronischer Bücher ebenso wie in Italien derzeit laut Artikel bei unter vier Prozent. Interessant ist dabei, dass auch dort, wo eine nur zögerliche Etablierung des Mediums zu beobachten ist, doch von Land zu Land unterschiedliche Gründe vorliegen. Der im Artikel zitierte Rüdiger Wischenbart erläutert, dass beispielsweise in Schweden eine sehr gute Versorgung mit E-Books seitens der öffentlichen Bibliotheken dazu führt, dass E-Books ausgeliehen und nicht gekauft werden. Für andere europäische Länder betont er als Ursache neben der Frage der Preisgestaltung die soziokulturelle Konnotation von Print:

“When you read a book, you define yourself as being part of a cultural elite, and that elite is very conservative,” he said. “They don’t want their high status to be undermined by some new gadget.” (Heyman, 2014)

Eine Anschlussthese, dass dieser Status fast zwangsläufig besonders intensiv unter Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge und damit unter den GeisteswissenschaftlerInnen verbreitet ist, dürfte sehr nahe liegen. Unterstützt wird dies von der oft außerordentlich hohen Qualität von Printausgaben zum Beispiel bei Kunstkatalogen, die, wie auch der Kunstwissenschaftler Horst Bredekamp vergangenen Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion betonte, gerade durch digitale Gestaltungs- und Entwurfsverfahren möglich wird. Print entfaltet sich erstaunlicherweise direkt wegen der digitalen Technologien so vielgestaltig wie vielleicht niemals zuvor in der Druckgeschichte.

Hier trifft, so lässt sich vermuten, in gewisser Weise ein einzigartiges soziales Kapital – nämlich kultureller Status und Geschmack und Kompetenz im Umgang mit Druckmedien – auf ein Marktsegment, das sich mit gegenwärtigen Technologien bestimmte Distinktions- und Elaborationsbedürfnisse höchst kreativ und zugleich zu günstigeren Produktionsbedingungen ausdifferenzieren lässt. Überall also wo Humanities bzw. Geisteswissenschaften sehr nahe an Schöpfungsprozessen operieren und die Printausgabe als umfassend anerkannte Manifestation dieser Prozesse dient, dürften es reine E-Publikationen auch perspektivisch schwer haben. (vgl. dazu auch diesen Blogbeitrag) Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang häufiger genannt wird, ist der Wunsch der AutorInnen nach einer Werkintegrität, die eine Printfassung naturgemäß bietet, deren prinzipielle Sicherung jedoch in digitalen Medien erst aktiv technisch integriert werden muss und die dabei in gewisser Weise die Vorteile des Digitalen (verlustarme Kopierbarkeit, Remixability, dynamische Vernetzbarkeit, liquide Dokumentenformen etc.) weithin ausschließt.

Inwieweit es Hybridformen schaffen können, an dieser Stelle digitale und kulturelle Eliten versöhnlich zusammenzuführen, könnte davon abhängen, wie überzeugend und passgenau sie solche Bedürfnisse im Mix mit digitalen Rezeptions- und Interaktionswünschen (z.B. Weiternutzung, Annotation, Volltextsuche, selektive Lektüre, etc.) auffangen. Reine E-Varianten, wie wir sie bisher auch im Bereich von E-Monographien oft antreffen, also entweder eher formlose E-Pub-Ausgaben oder PDF-Fassungen, eignen sich dagegen mutmaßlich kaum dort zum Leitmedium, wo explizit die Verbindung von Inhalt mit einer bestimmten Form (bzw. Formgebung) darüber entscheidet, ob man ein Medium als Zeichen bzw. Auszeichnung der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu oder einer spezifischen Statusgruppe zählen kann. Gerade wenn man sich diese Zugehörigkeit über lange Jahre erarbeiten musste, scheint die Neigung, dies wieder aufzugeben und sich zu e-only umzuorientieren eher als gering und muss besonders motiviert werden.

Es wäre sehr interessant, entsprechende mediensoziologische Untersuchungen unter GeisteswissenschaftlerInnen vorzunehmen (oder zu lesen), bei denen die Kopplung solcher Aspekte auch im fachkulturellen und internationalen Vergleich herausgearbeitet wird. Selbstverständlich ist die Frage des Milieus und des Distinktionswillens hinsichtlich des Gesamtbuchmarkts zugleich nur ein Aspekt unter vielen. So erscheint es unwahrscheinlich, dass das Lesen eines Buches – anders vielleicht als das bestimmter Buchformen – derart zentral durch das Zugehörigkeitsstreben zu einer kulturellen Elite angeregt wird, wie man es aus dem Artikel in der INYTimes herauslesen könnte.

Dennoch wäre es spannend zu klären, in welchem Umfang dieser Gesichtspunkt bei Einstellungsmustern der GeisteswissenschaftlerInnen eine Rolle spielt. Immerhin findet sich die Dominanz der Medienform „gedruckte Monografie“ in den Geisteswissenschaften auch bei den laufenden Erhebungen von Fu-PusH, wenngleich disziplinär durchaus unterschiedlich akzentuiert, immer wieder bestätigt und wird bisher nicht selten einfach in der Kategorie „fachkulturelle Gepflogenheit“ verortet. Dies kann man folglich entweder als fixe Rahmenbedingung annehmen. Oder aber doch selbst wieder hinsichtlich der Ursachen und Wirkungen reflektieren. Was in jedem Fall bereits als Erkenntnis festzuhalten bleibt, ist, wie eng die Frage der „Future Publications“ mit wissenschafts- und mediensoziologischen Aspekten verwoben ist und dass die Technologie nur eine Facette dieser komplexen Gemengelage darstellt. Am Ende bleibt Technologie Medium also Mittel zu einem Zweck. Eine spezifische Medientechnologie, sei es die des E-Books oder eines erweiterten, liquiden digitalen („enhanced“-)Dokuments, wird erst dann umfassend angenommen werden, wenn sie diesen erfüllt.

Stephen Heyman (2014). In Europe, Slower Growth for e-Books. In: The International New York Times, 13.11.2014

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