39 Wissenschaftsblogs aktuell. Zu einem Artikel im Tagesspiegel

2015-03-02

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Der Beitrag Astrid Herbolds zu „bloggenden Wissenschaftlern“ im Tagesspiegel vom 19.02. entging uns zunächst, ist jedoch sehr relevant für unsere Beschäftigung mit den digitalen Formen der Wissenschaftskommunikation und soll daher wenigstens kurz verzeichnet werden. (Astrid Herbold: Kurz und bündig. Was bloggende Wissenschaftler umtreibt – und was die Lese[r] davon haben. In: tagesspiegel.de, 19.02.2015)

Ausgangspunkt ist der neueingerichtete Blog zur Zeitschrift Feministische Studien. Dass man Weblogs begleitend zu Zeitschriften einrichtet, ist nicht ganz neu. So ging zum Beispiel LIBREAS mit einem Weblog bereits in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts online und ist mittlerweile auch auf das noch niedrigschwelligere Tumblr expandiert, um das Microblogging vom originäreren Bloggen zu trennen. Allerdings stellte sich da bei einer genuin elektronischen Open-Access-Zeitschrift auch kein größerer Medienbruch ein.

Bei den Feministischen Studien war dies jedoch der Fall. Ausgangspunkt der Entscheidung pro-Blog war, wie der Tagesspiegel berichtet, das Schwinden der Abonnenten und damit das Sinken der Reichweite. Damit sind sie, so Astrid Herbold, „voll im Trend“.

Die Skepsis dem Medium Blog gegenüber ist in der Wissenschaft offenbar wenigstens dann rückläufig, wenn es um die Wissenschaftskommunikation in die allgemeine Öffentlichkeit hinaus geht, also das, was man im internationalen Sprachraum auch „Public Engagement“ oder „Outreach“ nennt. Blogbeiträge sind daher in dieser Lesart (also der des Artikels) keinesfalls wissenschaftlichen Artikeln ebenbürtig, sondern liegen mehr im Bereich der Organisationsvermittlung:

„[E]in Blog […] generiert deutlich mehr Aufmerksamkeit als eine statische Webseite oder eine kurze, sachliche Pressemitteilung.“

So also sieht in diesem Fall die Vergleichsgröße aus. Auch für den Klimatologen Stefan Rahmstorf ist die Zielgruppe ein Laienpublikum. Wem die Wissenschaftsseiten der Presse also nicht mehr reichen, der findet beispielsweise unter scilogs.de hochfrequent Nachrichten aus diversen Wissenschaften und eben auch Rahmstorfs klimakundliche Notizen. Die Geisteswissenschaften sind in diesem Portal, hinter dem in Deutschland die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft steht, nicht übermäßig repräsentiert. Sie tauchen aber besonders bei den so kategorisierten Chronologs durchaus auf. Steht hinter dieser Plattform der Holtzbrinck-Verlag, also ein kommerzieller Akteur, bieten die Helmholtz-Blogs als Repräsentationsweblogs der Helmholtz-Gemeinschaft eine ganz ähnlich getaktete Plattform aus öffentlicher Hand – naturgemäß jedoch ganz ohne geisteswissenschaftliche Themen. Diese findet man dafür in hoher Konzentration bei Hypotheses, die Astrid Herbold leider für den vorliegenden Artikel übersehen hat. Dafür erwähnt sie den weithin etablierten Verfassungsblog. Auch dieser versteht sich nicht als Meldemedium für Forschungsresultate sondern ausdrücklich als Debattenmedium bzw. „Diskursplattform“. Und er dient, wie der Tagesspiegelleser erfährt, mittlerweile auch als Forschungsgegenstand.

Das ist bedauerlicherweise der einzige Aspekt, den der Artikel des Tagesspiegels und vielleicht auch Teile der deutschen Wissenschaftsblogosphäre dahingehend sehen, dass Wissenschaftsblogs auch für die Kommunikation innerhalb der Wissenschaft selbst relevant sein könnten. Dabei ist die Medienform eigentlich neutral genug, um auch ausgezeichnet für die Fachkommunikation unterhalb der Ebene formalisierter Publikationen verwendet zu werden und zwar nicht nur als Ersatz für die nach wie vor erstaunlicherweise weitverbreiteten Mailinglisten.

Nebenbei dürften sich die doch recht gut strukturierten und oft auch kategorisierten und ausgetaggten Blogbeiträge selbst hervorragend als Forschungsdaten für die digitale Wissenschaftsforschung und die Wissenschaftsgeschichte der Zukunft eignen. An der Stelle muss man freilich fragen, wie Bloginhalte, die eben nicht über etablierte Erwerbungs- und Sammelabläufe als Bibliotheksbestände langzeitarchiviert werden, perspektivisch verfügbar gehalten werden können. Die Potentiale des gar nicht mal so frischen Mediums (Wissenschafts)Blogs reichen jedenfalls weit über das hinaus, was im Artikel des Tagesspiegels angeskizziert wird.

Die Praxis ist dagegen häufig bescheidener, wie auch ein Blick in das Verzeichnis der aktuell an der Humboldt-Universität über den entsprechenden Dienst der Universität verfügbaren Weblogs zeigt. Viele der recht wenigen Blogs sind auf ein konkretes Ereignis bezogen und daher abgeschlossen. Nur sehr wenige werden regelmäßig aktualisiert. Zudem wirkt die Präsentation der vorhandenen Blogs als Webbaukasten-Liste ohne weitere Metadaten ist, nun ja, eher lieblos.

Dass dieses Angebot der HU bislang in einem solchen Larvenstadium verharrt, könnte freilich auch daran liegen, dass im Feld des Bloggens aktive Wissenschaftler der Universität eben doch lieber zu übergreifenden Anbietern gehen. Am Ende geht es ja auch weniger um die Einrichtung, als um die Community, die erreicht werden will. (Ein Beispiel ist das Digital-Intellectuals-Weblog auf hypotheses.) Zudem ist eine überinstitutionelle Verortung solcher Kommunikationskanäle auch angesichts der Fluidität gerade der Beschäftigungsstrukturen von NachwuchswissenschaftlerInnen sicher keine schlechte Variante. Diese soziale Komponente ist ebenfalls ein Aspekt, den eine eventuelle Forschung zum Wissenschaftsbloggen als Gegenstand wählen könnte.

Nichtsdestotrotz eigneten sich gut geschriebene und regelmäßig aktualisierte Weblogs zweifellos exzellent in verschiedener Hinsicht als Medium zur öffentlichen Darstellung einer Hochschule wie beispielsweise der Humboldt-Universität. Hierfür sind allerdings vermutlich noch zahlreiche Schritte zu gehen – von der allgemeinen Akzeptanz des Mediums als einer ernsthaften Variante wissenschaftlichen Kommunizierens (bei WissenschaftlerInnen sowohl als LeserInnen wie auch AutorInnen) bis hin zu einer professionellen Vermittlung und Präsentation solcher Möglichkeiten. Unter anderen die Tatsache, wie das Thema beim Tagesspiegel mehr als Kuriosum und Novität behandelt wird, zeigt, wie wenig etabliert und konsolidiert bloggende Wissenschaft derzeit (noch) zu sein scheint.

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