16 Wohin strebt die Disziplin der „Digital Humanities“? Zu einem Artikel in der FAZ

2015-01-05

In ihrer letzten Ausgabe des Jahres 2014 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Wissenschaftsteil über das Frankfurter eHumanities-Zentrum und nicht nur weil es vermutlich der letzte Artikel zum Thema Digital Humanities des abgelaufenen Jahres war, lohnt sich noch einmal ein Blick auf den Text von Thomas Thiel.

Unter der etwas unklaren Überschrift „Das landschaftliche und das lokale Bild des Denkens“ und dem aufklärenden Untertitel „Das Frankfurter Zentrum für eHumanities zeigt die Fortschritte einer aufstrebenden Disziplin“ beschreibt der Autor ziemlich zutreffend, wo die Praxis der Digitalen Geisteswissenschaften derzeit zu verorten ist. (in: FAZ, 31.12.2014, Seite N4)

Trend 1: Digital-Humanities-Ideen und -Projekte werden gefördert (nicht nur in Frankfurt/Main) und in Zentren gebündelt. Dabei ist, Trend 2, zunächst der (transdisziplinäre) Infrastrukturaufbau die gegenwärtige Entwicklungsaufgabe. In diesen eingeschlossen ist die Entwicklung von (gut nutzbaren, Stichwort: Usability) Bearbeitungswerkzeugen:

„Ziel ist es nun, eine feste Infrastruktur zu schaffen, an die sich die verschiedenen Disziplinen anschließen können, und digitale Arbeitsflächen, vor denen auch der Laie nicht kapituliert.“

Es fällt auf, dass Thomas Thiel die Erwartungen an die immerhin durchaus als eigene Disziplin ausgewiesenen Digital Humanities sehr geerdet fasst. Denn bevor neue Erkenntnisse entstehen können, benötigt man überhaupt erst einmal die (multimedialen) Forschungsdaten. Notwendig ist daher „der Aufbau digitaler Corpora aus Texten, Bildern und Tönen.“ Und das ist, so der Autor weiter, schwer genug. Die Forschungsobjekte benötigen nämlich präzise formale Beschreibungen, bevor sie erkenntnisgerichtet maschinenprozessierbar sind.

Der Artikel skizziert weiterhin am Beispiel der Arbeit des Mediävisten Bernhard Jussen, wozu diese Verfahren überhaupt sinnvoll sind:

„Jussen sucht über Wortfrequenzen und Wortverbindungen nach historischen Leitbegriffen und ihren semantischen Feldern. Weil Frequenz kein sicheres Indiz von Bedeutsamkeit ist, eignet sich das Verfahren als struktureller Unterbau der Semantik. Es gibt Anstöße und schließt Irrtümer aus.“

Das deckt sich in etwa mit einem an anderer Stelle gezogenem Schluss:

„Verfahren der Digital Humanities lösen, so auch die Argumentation der Autoren, die traditionellen Praxen der Geisteswissenschaft nicht etwa ab. Vielmehr setzen sie diese voraus. Die Anwendung solcher Verfahren erfordert ein breites grundständiges Wissen auf dem Anwendungsgebiet. Eingebettet in ein korrektes Forschungsdesign ermöglichen sie jedoch eine empirische und übergreifende Prüfung von Hypothesen, wie sie ohne diese digitalen Mess- und Visualisierungswerkzeuge kaum möglich ist.“

Zugleich warnt Thomas Thiel warnt davor, aus der quantitativen Datenerschließung vorschnell in die Interpretation zu wechseln. Dass es den Digital Humanities um „Mustererkennung“ geht und neben nicht um die Interpretation selbst, nennt er eine „immunisierende Funktionsbeschreibung“.

Konkrete Fälle, in denen dementsprechend Fehlschlüsse gezogen wurden, sind freilich schwer auszumachen. Auch in den Forschungen des Distant Readings nach Franco Moretti, auf das er unverkennbar referenziert, wurde bisher kaum tatsächlich mit eklatant unzulässigen Überspüngen in qualitative Geltungsdomänen sichtbar. Hinter dem vermuteten Immunisierungswillen könnte also auch schlicht ein realistisches Selbstbild stehen.

Parallel zu dieser Kärrnerarbeit der real existieren digitalen Forschungsorganisation und -praxis gibt es öffentlichkeitswirksame und teilweise erbittert geführte Debatten um die drohende Szientifizierung der Geisteswissenschaften und die Digital Humanities werden dafür gern als Türöffner definiert (vgl. dazu beispielsweise das Editorial der Ausgabe 8 (2014) der Zeitschrift The Point – Schwerpunkt: What is Science for?: The New Humanities). Dabei liegen die Reibungsflächen der Digital Humanities auf einem schmalen Film von eher forschungsstrategischem Schlagabtauschen zwischen utopischen und dystopischen Vorstellungen zur Zukunft der digital er- und vermittelnden Geisteswissenschaften. Daraus ergibt sich ein sehr wichtiges Einzelthema, dem sich die Geisteswissenschaften permanent stellen und stellen müssen. Die Digital-Humanities-Praxis beschäftigt sich derzeit, wie auch der Artikel herausstellt, abseits von Konferenz-Keynote-Reflexionen mit vergleichsweise trivialeren Fragen. Was gar nicht so schlecht ist, entstehen doch so überhaupt erst einmal Bezugsobjekte für die Debatte. Ein Digital-Humanities-Zentrum ist heute nicht zuletzt eine Art forschungspolitisches Laborexperiment. Man schiebt es ein paar Jahre an und schaut ob bzw. was es dann trägt. Dass, wie der Artikel auch erwähnt, das Frankfurter Zentrum perspektivisch die Grenzen der Digitalen oder digital betriebenen Humanities in den Blick nimmt („Auch das ist ein Ziel des Zentrums, doch zunächst ein zurückgestelltes.“) ist doch an sich ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass man sich über eine Welt hinter der angewandten Algorithmisierung gibt.

Abgesehen davon gilt schließlich, dass die Idee bzw. das Schlagwort Digital Humanities derzeit an vielen Stellen vor allem als Innovationscontainer verladen wird, in sich aber eher sehr einfache hilfswissenschaftliche Lösungen trägt, die vor allem vieles von dem Fortsetzen, was beispielsweise die Computerlinguistik oder die Archäologie seit Jahrzehnten zur Optimierung ihres Forschungsprozesses an (digital)technologischen Werkzeugen verwenden. Die Überschrift der Meldung zum Zentrum aus der Marketing-Abteilung der Universität Frankfurt zum eHumanities-Zentrum ist daher auch – wie im PR-Umfeld leider nicht selten – völlig irreführend: Wie der Computer mit den „Digital Humanities“ Einzug in die Geisteswissenschaften hält (idw, 16.12.2014). Er ist seit 20+ Jahren auch über die damals bereits gängigen Formen von Textverarbeitungssoftware, Hypertexten und CD-ROM-Datenbanken hinaus schon längst da (der Ausdruck „Digital Humanities“ selbst als flotterer Nachfolger des „Humanities Computing“ hat übrigens auch schon eine Verwendungsdekade hinter sich).

Innerhalb der Disziplinen dürften sich entsprechend die kompetenten Akteure auch keineswegs so vom Schillern des griffigen Ausdrucks „Digital Humanities“ so blenden lassen, wie ab und an Vertreter des Wissenschaftsfeuilletons. Andererseits, und das ist vielleicht der Hauptgrund, warum man den Ausdruck braucht, löst er mittlerweile in den einschlägigen Zirkeln eine sehr breite und zunehmend differenzierter geführte Debatte darüber aus, was die fast allumfassende Digitalisierung von Kultur(produktion) für die Geistes- und Kulturwissenschaften bedeutet. Er wirkt in dieser Hinsicht als Referenzpunkt, auf die Diskussionen zurückspiegeln und solche stabileren Angelpunkte benötigt jeder Diskurs. Vielleicht kann man es so fassen: Es ist unnötig, eine verbindliche Definition des Begriffs „Digital Humanities“ zu haben. Aber es ist sehr sinnvoll, definitorische Arbeit am Begriff „Digital Humanities“ zu leisten.

Dass man ein Zentrum zur kritischen Auseinandersetzung und zum methodologischen Diskussion digitalisierter Erkenntnisproduktion gründen könnte und vermutlich auch sollte, steht außer Frage. Wenn man sich in Frankfurt derzeit jedoch auf den Aufbau von Korpora und die Entwicklung von Interaktions- und Verarbeitungswerkzeugen für diese Forschungsdaten konzentriert, ist das jedoch durchaus legitim und zweckmäßig. Und schon allein für diese Aufgabe sind über drei Jahre gestreckte 2,1 Millionen Euro BMBF-Förderung gar nicht übermäßig viel.

Wo Sinn und Grenzen der Aussagekraft der auf diesem Weg erzeugten Resultate liegen, können die beteiligten WissenschafterInnen, so darf man unterstellen, zudem sicher ganz gut einschätzen. Wenn nicht bereits jetzt und prognostisch, dann sicher a pos­te­ri­o­ri. Die derzeitigen Diskurse in der Digital-Humanities-Szene deuten jedenfalls an, dass sich sicher anfänglich spürbare Anzeichen von Innovationsnaivität mittlerweile weithin verflüchtigt haben. Spätestens die tagtägliche Konfrontation mit den Hürden beim Aufbau der Analysegrundlagen und der Frage der Ressourcen wirkte in dieser Hinsicht gründlich. Die Kurve des Aufstrebens der Disziplin Digital Humanities (wenn es denn überhaupt eine ist) scheint momentan jedenfalls von einer des Abflachens entsprechender Euphorien begleitet zu sein. Nicht zuletzt deshalb kann man vermutlich ganz gut auf die Solidität dessen, was die Geisteswissenschaften im Bereich des Digitalen tun werden, vertrauen.

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